Blackout beim Einparken. Aufgaben für Sie

Mein Schlüsselerlebnis als Fahrlehrer: Ein Prüfling leidet an schwerer Nervosität in der Fahrprüfung – ein Blechunfall droht. Was kann der Prüfling tun? Aufgaben für Sie.

Nach einer misslungenen Fahrprüfung begann ich als künftiger Angsthasenfahrlehrer über Nervosität am Steuer und die Möglichkeiten der Hilfe nachzudenken. Heraus kamen erste Schritte, die Nervosität zu mildern. Ein guter Einstieg, den ich jedem Prüfling und Fahrlehrer empfehlen kann. Damals habe ich gemerkt: Rein mit dem Üben des Stoffs  kommt man hier nicht weiter.  Der Prüfling sollte lernen, mit seiner Nervosität umzugehen, Fahrlehrer/innen könnten ihm dabei helfen. 

Wer kann von dieser Aufgabe profitieren?

In erster Linie nervöse Prüflinge, Angsthäsinnen, die sich noch an ihre eigene Ausbildung zum Führerschein erinnern, Fahrlehrer/innen, die gerne dazu lernen wollen, Prüfer/innen.

Der Prüfling auf dem Hof der Prüfstelle – sehr nervös

Der drohend aufragende Berg - Sinnbild für die Angst vor der Fahrprüfung.
Berg Wiggis, Kanton Glarus, Schweiz. Bild Jochen Müller.        Der drohend aufragende Berg, davor die gerade, zu ihm hinführende Straße – Sinnbild für die Angst vor der Fahrprüfung. Zu dieser Angst gehört die Angst vor hohen Anforderungen in der Prüfung, vor Fehlern und vor Nichtbestehen der Prüfung. Dazu die Angst vor dem abwertenden Urteil des sozialen Umfeldes. Auch eine mitleidige Reaktion wird oft als abwertend empfunden. Angesichts des Drucks, der auf ihnen lastet, fürchten die Betroffenen heftig ihr eigenes Unvermögen. Sie fühlen sich, mit einem hässlichen Begriff, als “Versager”: Alle anderen bestehen locker, nur ich nicht!”  Die Sorge kann auch weit in die Zukunft reichen: Dann wird wegen des Versagens in der Führerscheinprüfung auch das berufliche Weiterkommen bezweifelt. Nervosität: Die Angst vor der Fahrprüfung führt zu starker Nervosität, die wiederum blockiert das entspannte, vernünftige Handeln während der Prüfungsfahrt. Auch die Nervosität wird gefürchtet.  Ein erster Schritt, um sich vor den gefürchteten Folgen der starken Nervosität und gar vor Fehlverhalten zu schützen, sind Rettungsmaßnahmen. Viele Prüflinge wissen gar nicht, dass sie eine Pause während der Prüfungsfahrt verlangen können (das Wort “bitte” sollte dabei nicht fehlen).  Weitere Schritte sind Hilfen gegen die starke Nervosität.

Ausgangssituation – warten auf den Prüfer

Der Prüfling, ein junger Mann, war gut ausgebildet, auch im Einparken, allerdings nervös. Mir fiel sein Zustand auf dem Hof der Prüfstelle auf, als wir auf den Prüfer warteten. Für den jungen Mann war es die erste Prüfung. Der Prüfling war unruhig, in sich gekehrt, zitterte ein bisschen. Meinem Gespräch hörte er kaum zu. Heute bin ich aufmerksam auf solche körperlichen Signale. Auch die Betroffenen sind von mir geschult, darauf zu achten, sie laut zu benennen und und sich an ihre Übungen erinnern, die hemmenden Symptome zu mildern. Dafür gibt es inzwischen eine Palette von Hilfsmöglichkeiten. Ja, das erfordert Training, genauso, wie das Üben des Stoffs. Damals fiel mir die Nervosität nur am Rande auf. Ich legte vielmehr großen Wert auf die Beherrschung des Stoffs. Das ist nicht schlecht. Reicht aber in diesem Falle nicht.

Viel geübt und geredet, leider erdrückt die Nervosität alles

Ich spürte zwar, dass etwas mit dem Prüfling nicht stimmte. Aber mir war nicht  klar, was die Symptome bedeuteten und welche Hilfe der Prüfling brauchte. Um ihm zu helfen, beschrieb ich ihm die ersten, möglichen Schwierigkeiten der kommenden Fahrt. Es ging um die Ausfahrt aus der Prüfstelle und eine danach auftauchende, etwas verwirrende Möglichkeit, nach links abzubiegen. Das alles hatten wir schon x-mal geübt. Ich merkte jedoch, dass meine eifrige Rede an ihm vorbei ging, dass er immer nervöser wurde. Ich spürte meine vergebliche Mühe, wusste nicht weiter und schwieg. Auch ich wurde nun nervös.

Der Prüfer erscheint, begrüßt. Hohe Nervosität beim Prüfling

Nun kam der Prüfer, die Begrüßung war kurz und sachlich. Der Prüfling zeigte seinen Ausweis, blieb stumm, in sich gekehrt. Die Fahrt begann, beim Abfahren aus dem Parkplatz der Prüfstelle würgte der Prüfling zweimal den Motor ab. Schließlich schaffte er es doch. Der Prüfer war einsilbig, ich versuchte vergeblich, ihn zu einem Gespräch zu bringen. Das hätte das Klima im Auto vielleicht aufgelockert. So hatten es mir viele Kollegen geraten. Schließlich gab ich es auf. Die Stimmung wirkte gedrückt. Der Prüfling, das bemerkte ich wieder, war nicht gut drauf. Er war stumm, äußerte sich mit keinem Wort. So hatte ich es ihm vorher in der Ausbildung für die Prüfung angeraten. Damit er sich besser auf die Prüfungsfahrt konzentrieren konnte, nicht durch seine Beteiligung an einem Gespräch abgelenkt wurde. Er atmete stoßweise, manchmal gar nicht, und schwitzte. Die Bewegungen bei der Autobedienung wirkten ruckig. Nach einer guten Viertelstunde Fahrt, die recht und schlecht verlief, sollte der Prüfling rückwärts parallel zum Bordstein einparken.

Eine Parklücke für beinahe zwei Lastwagen

Der Prüfer wies ihm eine Lücke zu. Diese war außergewöhnlich groß. Da hätten beinahe zwei Lastwagen rein gepasst. Dort sollte er rückwärts einparken. Ich grübelte kurz über die Absichten des Prüfers: War die große Lücke sozusagen eine nette Geste gegenüber dem nervösen Prüfling? Oder sollte sie ihn gerade durch ihre Länge heraus fordern? So könnte der Prüfling womöglich in seiner Angst denken. Wahrscheinlich traf keine der beiden Vermutungen zu. Der Prüfer hatte einfach die nächstbeste Lücke gewählt. Jedoch, wie ich deutlich sehen konnte, wurde der Prüfling angesichts der großen Lücke noch nervöser.  

Parken rückwärts seitlich, Parklücke sehr lang. Zu früh nach rückwärts rechts gelenkt
Parken rückwärts seitlich, Parklücke sehr lang. Zu früh nach rückwärts rechts gelenkt. Das rechte Hinterrad stößt an den Bordstein. Vorne rechts sind nur noch winzige paar Zentimeter vorhanden, um zu rangieren. So kann man sich aber nicht mehr in die Lücke “quetschen”, ein Blechschaden droht. Warum die schlechte “Lösung”, die keine ist? Weil durch den Blackout der Verstand nicht mehr da ist und Tunnelblick herrscht, wird der gesamte Raum hinter dem roten Auto gar nicht mehr wahrgenommen.  Ansonsten wird zur Primitivlösung gegriffen, rückwärts nach rechts und dann sofort nach links zu lenken. Die Primitivlösung bringt nichts, genauso das anschließende verzweifelte Hineinquetschen. Das macht die Sache nur schlimmer. Wir müssen jetzt sozusagen einen Strich ziehen, alle weiteren Bemühungen einstellen, für Erholung und unser armes Gehirn sorgen: Motor aus, Handbremse ziehen, Fenster auf, rausschauen, ruhig atmen, sich entspannen. Laut reden, über die Nervosität. Damit ist der Verstand wieder da, die Erinnerung an richtiges Parken setzt wieder ein. Kein Blackout mehr! Und nun wieder laut reden, das weitere Vorgehen planen: Wieder ganz heraus fahren, dabei weit ausholen, weg von dem blauen Auto. Beim Herausfahren auf den Verkehr achten. Ganz von vorne beginnen, dieses Mal darauf achten, erst später in die Lücke hinein zu drehen, weit nach hinten fahren, Richtung graues Auto. Dann nach vorne rechts Richtung Bordstein ziehen. Wie einfach kann das Parken sein! Aber nur ohne Blackout.

Große Aufregung – Erinnerung und Verstand sind weg

Wahrscheinlich wegen seiner Angst und Aufregung wählte der Prüfling die einfachste – zu einfache – Lösung. Er zog nicht weit nach hinten rechts, wie es die Größe der Lücke nahe gelegt hätte. Von dort aus hätte er bequem nach vorne Richtung Bordstein fahren und den Wagen parallel zum Bordstein aufstellen können.

Nein, er lenkte sofort scharf nach rechts. Zu spät drehte er dann das Lenkrad nach links. Das rechte Hinterrad prallte so gegen den Bordstein. Und die Motorhaube wanderte bedenklich nah zum Heck des vorderen Pkw. Weiter nach hinten zu fahren, war damit unmöglich. Nach vorne rechts zu korrigieren war ebenfalls nicht vorstellbar, denn der Abstand zum vorderen Wagen war zu gering (s. Bild). Am besten wäre jetzt gewesen, alle weiteren Parkversuche zu unterlassen, eine Pause einzulegen, sich zu beruhigen. Und dann vorsichtig, mit Abstand zum vorderen Wagen, wieder ganz heraus zu fahren, von vorne zu beginnen.

Hineinquetschen ist kein Weg

Doch der Prüfling kam auf keine brauchbare Lösung, hatte offensichtlich keinen nützlichen Plan mehr im Kopf. In seiner Aufregung versuchte er vergeblich, den Wagen durch winzige Fahrzüge – vorwärts rechts, rückwärts links – doch noch  in die “Lücke” zu quetschen. Angesichts der eigentlich riesengroßen Lücke weiter hinter uns war das ein Wahnsinn. Ich hätte ihn am liebsten geschüttelt – “komm zu Dir, atme mal tief durch, schau Dich um, Du bist ja blind!”

Doch er versuchte es weiter mit dem Hineinquetschen, der falsche, gefährliche Weg! Mit dem Hin und Her wurde er immer nervöser, es ging nur noch um Zentimeter, alles vergeblich, ein Blechunfall drohte. Schließlich musste ich eingreifen. Nicht bestanden! Hinterher weinte der Prüfling, war aber auch sichtbar erleichtert.

Der Schock nach der Prüfung

Nach der Prüfung war ich geschockt und hilflos. Eigentlich war der Prüfling doch gut ausgebildet. Wie konnte das passieren? Mir tat der Prüfling leid. Ich hätte ihm gerne geholfen. Nicht gerade während der Prüfung, aber vorher, so dass er sich aus seiner Nervosität hätte selbst befreien können. Aber kein Fahrlehrer, kein Prüfer konnte mir Tipps geben.  

Die Suche nach der Lösung

Darauf suchte ich energisch nach Lösungen, gründete eine Fahrschule (Fahrschule Schaffen Wir), in der ich meine Ideen verwirklichen wollte. Viel habe ich damals durch das Gespräch mit Therapeuten und durch unzählige Erfahrungen mit den Betroffenen gelernt. Es ging am Schluss nicht nur um die Prüfungsangst, sondern allgemein um Ängste hinterm Steuer. Inzwischen hatten sich zahlreiche Angsthäsinnen (mit Führerschein) bei mir gemeldet, die ebenfalls mitmachen und ihre Angst bewältigen wollten.

Seither konnte ich vielen helfen, schön. Diese Prüfung hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Und nun sind Sie dran: Bitte versuchen Sie sich an den folgenden Aufgaben zu der gerade erzählten Geschichte über Prüfungsangst

Grübeln Sie ruhig ein bisschen über die Lösungen nach, das wird Ihnen bei Ihren eigenen Problemen mit der Angst vor dem Autofahren helfen.  Einige Hinweise zu den Lösungen erhalten Sie im vorigen Text oder in den Bildunterschriften oder beim nachfolgend angeführten Infopapier zur Nervosität und deren Milderung.

Fragen und Aufgaben zur Prüfungsangst

    1. Nervosität 1: Lesen Sie die Geschichte des nervösen Prüflings noch einmal durch. . Beachten Sie Ihren Zustand – werden Sie beim Lesen selbst etwas nervös? Keine Sorge, das ist normal. Nur ein ganz cooler Mensch kann sich da abschotten. Sie werden es nicht schaffen, eine leichte Unruhe verspüren, störende Gedanken flitzen im Kopf herum, schwächen die Konzentration, ihr Atem geht schneller. Aber nun sollen Sie ja lernen und üben, die Unruhe zu mildern.
      Aufgabe: Wenn Sie das oben erwähnte Info-Papier gelesen haben, wird Ihnen vielleicht einiges vorschweben. Versuchen Sie folgendes: Beobachten Sie Ihre Nervosität, stellen Sie fest, wie heftig sie ist (in Zahlen von 1 – 10). Benennen Sie Ihren Zustand laut, beispielsweise: “Ich bin tatsächlich etwas nervös, bei 4.” Ich atme ruhig.” Schon, wenn Sie diesen einfachen Satz gesagt haben, werden Sie spüren, dass Sie ruhiger werden und die Konzentration zurück kehrt. Der Grund: Das laute Sprechen holt den Verstand zurück, der in der Nervosität langsam schwindet. Außerdem beruhigt es den Atem, durch das Sprechen selbst und die innere Aufforderung.
    2. Nervosität 2: Nun wollen wir einen Schritt weiter gehen, uns die Passage im Text vornehmen, als der Prüfer erscheint und Sie und Ihren Fahrlehrer begrüßt. Lesen Sie die Stelle aufmerksam durch. Sie werden spüren, dass Sie wieder nervös werden, dieses Mal wahrscheinlich noch mehr als vorher. Vielleicht sind Sie dieses Mal bei 5.
      Aufgabe: Sprechen Sie wieder laut, über Ihre Situation, atmen Sie ruhig und “handeln” Sie: Gehen Sie dem Prüfer in Gedanken ein paar Schritte entgegen, strecken Sie die Hand aus zur Begrüßung, versuchen Sie zu lächeln (!) und begrüßen Sie ihn. Fortsetzung

 

 

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