Fahrprüfung verloren – gewonnen. Zwei Geschichten

„Warum die Aufregung?“

Der Prüfling steht mit seinem Fahrlehrer auf dem Hof der Prüfstelle. Sie warten auf den Prüfer. Gleich soll die Prüfungsfahrt losgehen. Der Prüfling ist sichtlich aufgeregt – in sich gekehrt, sehr blass. Sein Fahrlehrer instruiert ihn über die ersten praktischen Schwierigkeiten, die bei der kommenden Fahrt auf ihn zu kommen. Doch der Prüfling nimmt die Informationen kaum wahr. Der Prüfer erscheint, nach kurzer Begrüßung fahren sie los. Der Prüfling ist gestresst. Wohnstraßen gehen noch, das Abbiegen nach links und die Autobahn klappen nur mit großer Anstrengung. Er schwitzt und zittert. Doch fängt er sich wieder. Fahrlehrer und Prüfer plaudern ein bisschen, der Prüfling schweigt, wie es bei den Prüffahrten üblich ist. Er fährt schlecht und recht, macht sich große Sorgen. In einer ruhigen Wohnstraße lässt ihn der Prüfer rückwärts neben dem Bordstein einparken. Dabei verfängt sich der Prüfling. Er steht weitab vom Bordstein in der Lücke und weiß nicht weiter, wird immer nervöser. Er fährt vor und zurück, ohne ersichtlichen Plan im Kopf.  Der Prüfer erfasst de Lage, rät, noch einmal ganz heraus zu fahren, von vorne zu beginnen. Schließlich stehen sie in der Lücke – geschafft. Dennoch, bei der Weiterfahrt wird der Prüfling immer unruhiger. Nun sind sie nun kurz vor dem Ziel, dem Hof der Prüfstelle. Noch zwei Aufgaben warten auf ihn: Über die Einfahrt in den Hof der Prüfstelle hinein zu fahren, und dort schließlich einzuparken. Eigentlich keine besonderen Probleme. Und doch, wird es der Prüfling angesichts seiner Lage schaffen?  Er grübelt inzwischen heftiger. Die Sache mit der Hilfe durch den Prüfer macht ihm schwer zu schaffen. Beim Einparken müsste er jetzt beweisen, dass er es auch alleine schaffen kann. So die Gedanken. Die letzte Chance! Am besten, wenn er elegant und flüssig, auch ohne lästige Korrekturzüge, in die Parklücke käme.

Die Einfahrt „meistert“ er schlecht und recht, nicht vorsichtig, sondern zu schnell, nur halbwegs unter Kontrolle.  Nun soll er rechts rückwärts in eine der Parkboxen einparken. Diese Art des Einparkens haben sie in der Ausbildung schon viele Male geübt.  Kein Problem? Doch, schon, denn der Prüfling empfindet inzwischen heftigste Nervosität. Nun muss er zeigen, dass er es auch alleine, ohne Hilfe durch den Prüfer, schaffen kann. Und wird er es schaffen?

Vorsichtig zieht er langsam zurück und dreht das Lenkrad nach rechts, um rückwärts rechts in die quer befindliche Parkbox einzufahren. Beine und Fü´ße sind verkrampft, aber darum kann er sich jetzt nicht kümmern. Mit eiserner Gewalt kommt er irgendwie voran. Jetzt geht es um alles. Weiter und weiter. Doch was ist das? Sie nähern sich leider immer mehr dem entfernter stehen Auto neben seiner Parkbox. Ein Korrekturzug nach vorne wäre erforderlich, anschließend könnten sie rückwärts gerade in die Lücke hinein fahren. Ein schöner Abschluss. Doch der Prüfling macht nichts dergleichen. Er fährt langsam, ruckig weiter, obwohl sie sich so immer mehr dem anderen Auto nähern. Nicht gut, eine Primitiv-Lösung, die nicht weiter führt. Der Prüfer schaltet sich ein: „Lassen Sie das doch, so schaffen sie es nicht. Fahren Sie einfach gerade heraus aus der Lücke! Dann klappt es besser.“ Für den über aufgeregten Prüfling kommt diese eigentlich nett gemeinte Hilfe einer kleinen Katastrophe gleich. Nun will er das Parken erzwingen, zeigen, dass es er doch irgendwie kann.

Dann geschehen mehrere Dinge gleichzeitig. Der Prüfling, dessen Beine und Füße schon sehr krampfen, gibt plötzlich Gas. Sein Fahrlehrer, alarmiert, geht an seine eigene Bremse an der Doppelbedienung der Pedale. Recht getan, denn der Prüfling gibt weiter Gas, lässt im Krampf die Kupplung los. Der Motor geht mit einem heftigen Ruck aus, der Wagen macht dabei einen kleinen Satz nach hinten, in Richtung anderes Auto. Doch der Fahrlehrer hat aufgepasst, die Bremse scharf gedrückt. So war der Satz wirklich klein geblieben ist. Nichts ist passiert. Doch alle drei sind erschrocken. In der plötzlichen Stille hört man nur noch die akustische Anzeige quäken. Diese zeigt akustisch den Eingriff des Fahrlehrers  über seine eigene Bremse.

Sie fragen den Prüfling, was denn da passiert sei? Warum er denn die Hilfe des Prüfers nicht angenommen habe? Der Prüfling ist erschöpft, auch ein bisschen erleichtert, weil der Schrecken ein Ende hat. Aber von den Ereignissen gerade hat er wenig mit bekommen. Dass sein Fahrlehrer eingreifen musste und die Prüfung nicht bestanden war, das sah er ein.

Auf der Rückfahrt zur Fahrschule ist der Prüfling traurig, voller Selbstvorwürfe, und ängstlich, wegen der Reaktion seiner Umgebung. Einen Vorgeschmack gibt ihm sein Fahrlehrer, der sich wundert und ihm Vorwürfe macht:  Er versteht das alles nicht, die große Aufregung des Prüflings, wodurch die Prüfung kaputt ging.  Und noch einmal, mit Nachdruck: Er versteht die Aufregung nicht. Sie hatten doch geübt und geübt vorher, vor allem das Einparken, die Autobahn und das Abbiegen nach links. Der ganze Stoff lief gut. Unverständnis äußert er wegen der Meinung des Prüflings über die Hilfe durch den Prüfer: Die Hilfe war gut gemeint. Etwas Besseres konnte dem Prüfling gar nicht passieren.

Und seufzend setzt sein Fahrlehrer hinzu: Nun müssen wir bis zur kommenden Prüfung noch viel mehr üben. Es ist nicht sicher, ob wir beim nächsten Mal wieder einen so netten Prüfer kriegen.

Das große Wundern

Seit ich Fahrlehrer bin, kenne ich das Phänomen des „großen Wunderns“: Andere Fahrlehrer wundern sich und regen sich auf, dass ihre Schüler nicht bestehen. Obwohl sie sich in der Ausbildung die größte Mühe mit vielen Übungen gegeben haben. Und obwohl der Prüfer freundlich ist und sogar ein bisschen hilft. Es ist ein ewiges Wundern, Rätseln und Jammern, gipfelt in dem Spruch: „Deinen Schüler kennst Du, Deinen Prüfling nicht!“ Da diese Pädagogen leider nicht in die Tiefe gehen, bleibt ihnen die Lösung des Rätsels verborgen: Die Milderung der Prüfungsangst, samt ihrer Reaktionsformen: Quälende Angstgedanken und Grübeleien, heftige, blockierende Symptome, oder Fehlverhalten.

Und weil diese Fahrlehrer sich zu wenig mit den Ursachen beschäftigen, weichen sie aus auf die immer gleichen, dürftigen Pseudohilfen: Den „Stoff“ pauken und pauken, und zusammen mit dem Prüfling auf einen „netten“ Prüfer. Natürlich muss der Stoff geübt werden. Aber dieser Weg als alleiniger Weg ist eine Sackgasse. Ich hatte schon Fahrschüler, die fünf mal wegen Blackouts die Prüfung nicht bestanden hatten, Blackout beispielsweise beim Abbiegen oder beim Parken. Was soll es denn helfen, wenn nun stur hintereinander das Parken geübt wird?

Diese Fahrlehrer können sich dabei sogar auf die Zustimmung ihrer Prüflinge hoffen. Denn Prüflinge mit Prüfungsangst fürchten sich natürlich vor der Prüfung, üben und üben lieber immer weiter. Bis der nächste Misserfolg kommt.

 

Katrin M braucht dringend den Führerschein. Sie ist 38, wohnt und arbeitet im Westen Deutschlands (alle Namen und Ortsdaten von mir geändert). Sie hat zwei Kinder, ist verheiratet, arbeitet in einem Pflegeberuf.  Der Beruf mit seinen Wechselschichten und der Pandemievorsorge ist bekanntlich stressig. Die Kinder müssen unter der Woche in die Kita gebracht werden. Gott sei Dank nimmt der Arbeitgeber Rücksicht auf ihr Kinder- und Transportproblem. Die Kita, die schließlich für gut befunden wurde, ist leider weit weg von der Wohnung, knapp 15 km. Katrin bewältigt die Strecke und den Kindertransport mit einem E-Lastenfahrrad.

 

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