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Arme Angsthäsin

Gefährliches Drängeln, geht nochmal gut

Das Verb "ratschen" ist umgangssprachlich, stammt aus dem Süddeutschen. Es bedeutet soviel wie quatschen, plaudern, klatschen. Es hat einen missbilligenden Beiklang. Wer am Steuer sitzt und ratscht, kann in Gefahr geraten.

Ich bin mit einer Angsthäsin in Neukölln unterwegs. Sie besitzt den Führerschein, hat sich wegen Fahrangst und langer Vermeidung bei mir gemeldet.

Sie fühlt sich schnell überfordert, an der Grenze zu hoher Nervosität. Wir achten beide darauf, die Situationen im Straßenverkehr eher einfach zu halten. Ansonsten trainieren wir Entspannung: Sie spricht laut, über ihre Vorhaben bei der Fahrt, auch über die eigene Nervosität, achtet darauf, gegen den Tunnelblick lebhaft zu schauen, macht progressive Muskelentspannung, weil ihr insbesondere die Arme weh tun. Wenn alles zuviel wird,  bittet sie um Pause. Mit diesen bescheidenen Maßnahmen halten wir die Angst gedämpft. Damit kommt es nicht zu den gefährlichen Angstspitzen, bei denen in Panik der Verstand weg bleibt.

Angst vor Dränglern, das ist verständlich

Aber alles hat man nicht im Griff. Sehr große Angst hat sie vor Dränglern. Sie würde Drängler gern daran erinnern, Rücksicht zu nehmen und Abstand zu halten. Doch das Verhalten der Drängler können wir schlecht beeinflussen. Sie meinen es ja auch nicht persönlich, sie wollen nur schnell fahren. Dabei sind wir schlicht und einfach nur im Weg. Wenn wir weg sind, fort, vergessen, das nächste Opfer wird bedrängt.

Eine junge Frau mit roten Golf hat sich hinter uns geklemmt. Unser etwas langsameres Tempo passt ihr nicht, immer wieder versucht sie uns, durch nahes Auffahren zu "schubsen". Ausweichen und überholen geht nicht, dazu ist die Fahrbahn zu schmal, mit Gegenverkehr.

Meine Angsthäsin reagiert schon sehr nervös, sie hält es kaum noch aus. Ich beschließe, so bald es geht, rechts heraus zu fahren, eine Pause zu machen und mit ihr über Drängler zu sprechen. Das sage ich laut, damit sie sich etwas beruhigt. Doch vor uns liegt noch eine Ampelkreuzung, dahinter etwas 200 m, bis wir zur Pause anhalten können. Wir müssen nach links abbiegen, fahren deswegen eher noch langsamer.

Ampel gelb, das kann Probleme geben

Ampel Gelb, da sollte man lieber anhalten
Ampel Gelb, da sollte man lieber anhalten

Die Ampel ist noch grün, unsere Dränglerin bringt sich schier um vor Hektik, fährt immer näher, hupt. Sie möchte es bei Grün unbedingt schaffen. Da wir aber nach links abbiegen wollen, fahren wir eher langsam,  ca 25 bis 30 km/h. Nun schaltet die Ampel um, auf Gelb, unsere Entfernung von der Ampel knapp 20 m. Jetzt ist die Sache entschieden, Gelb heißt "warten!" Bei dem Tempo wäre Gelb sowieso nicht mehr zu schaffen. Außerdem wäre das auch nicht Angsthasenart. Jedenfalls bremst meine Angsthäsin. Ich schaue besorgt in den Spiegel, entdecke zu meinem Entsetzen, dass die Dränglerin uns ausgerechnet jetzt gar nicht beachtet, weil sie in diesem gefährlichen Augenblick mit ihrer Beifahrerin "ratscht".

Irgendwie merkt sie die Gefahr doch, bremst gerade noch. Ich sehe sie schon auffahren, aber sie hat es geschafft. Ich bin erleichtert. Im Spiegel erkenne ich bei ihr keine Erleichterung, sondern einen Wutausbruch. Sie nimmt uns übel, dass wir bei Gelb gebremst haben. Weil sie sich gar nicht beruhigen kann, steige ich aus und zeige ihr unser Fahrschul-Schild. Bei nicht gerade frischem Gelb müssen wir auf jeden Fall bremsen, ob mit oder ohne Schild. Ich dachte nur, der Hinweis auf das Fahrschul-Schild würde sie etwas milder stimmen. Doch nichts dergleichen, noch mehr Wut. Also steige ich ein, wir fahren dann bei Grün nach links weiter, sie ebenfalls, kurz darauf kann sie überholen. Was für ein Glück, endlich ist sie weg.

Wir machen Pause. Endlich können wir über den Vorfall sprechen

Nun kann meine Angsthäsin die ersehnte Pause machen. Wir reden über den Vorfall. Ich tröste sie damit, dass es vielen Autofahrern auch so geht, sie haben Angst bei Dränglern. Das sind ganz reale, begründete Ängste, angesichts der Gefahren, die die Drängler erzeugen. Man muss Drängler also scharf im Auge behalten, gleichzeitig locker bleiben. Sie selbst fühlt sich persönlich von der Dränglerin heimgesucht, als ob sie schuld an der Situation gehabt hätte. Schuld, weil zu langsam. Dieses Gefühl haben viele Angsthäsinnen, sie glauben, für alles und jedes Verantwortung zu haben.

Aber letztlich ist ihr der Vorfall gar nicht mehr so wichtig. Nicht die Dränglerin, sondern das Abbiegen nach links war belastend, denn sie wusste zuerst gar nicht, welche Linie sie dort einhalten sollte. Und als das klappte, spielte die Dränglerin keine große Rolle mehr. Sie beschließt, Drängler in Zukunft gleichgültiger zu sehen. So ist das, immer Überraschung mit den Angsthasen.

Wir reden also über ihre Angst vor Kreuzungen. Zuerst lege ich ihr nahe, sich mit Kreuzungen zu befreunden.