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Hilfe bei Panik hinter dem Steuer?

Die Autozeitschrift AutoBild berichtet über eine Betreuung bei Fahrangst

Manchmal lese ich die Autozeitschrift AutoBild ganz gern. Sie bringt viele anschauliche Bilder, Neuigkeiten, amüsante, spannende Texte. Alles aufs Auto bezogen, beinahe penetrant. Aber wo sonst würde man so früh in einem Test handfeste Informationen über zwei Wasserstoffautos lesen können? 

Die AutoBild kann aber auch ganz schön reißerisch sein, wen wundert es.

Es gibt nur wenige kompetente Angsthasenfahrlehrer/innen in Deutschland. Eine davon ist Alexandra Bärike, Psychologin und Fahrlehrerin. Ich schätze die Kollegin sehr. Nun hat die Zeitschrift AutoBild (Nr. 17, 24.04.2014, S. 61ff.) über ihre Betreuungsarbeit am Beispiel eines Panikers am Steuer berichtet.

Panikerin auf der Autobahn, Angst vor Panikattacke beim Überholen des Lkw. Pkw: Golf
Panikerin auf der Autobahn, Angst vor Panikattacke beim Überholen des Lkw. Pkw: Golf

Ich bin nach der Lektüre des Artikels skeptisch, ob der Beitrag gut war für das Anliegen der Menschen mit Fahrangst. Wie gesagt, ich schätze die Kollegin sehr, aber manchmal gerät man ohne es zu wollen in unschönes Terrain. Ich darf die nachfolgende sachliche Kritik üben, ich bin seit über 15 Jahren Angsthasenfahrlehrer, auch für Paniker am Steuer.

Im Artikel wird der Anspruch erhoben, am konkreten Beispiel die mögliche Hilfe bei Panik hinter dem Steuer zu zeigen. Gelingt das?

Der Artikel beginnt mit einer durchaus zutreffenden Schilderung der Paniksymptome: Dem Betroffenen wird heiß, er verkrampft sich hinter dem Lenkrad, hält den Blick nur noch stur geradeaus – eben Panik. Erster Auslöser der Panik: Eine Autobahnbrücke. Später benennt der Betroffene noch einen ganz wesentlichen Aspekt der Panik – die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Auch vom Stress im beruflichen Umfeld ist die Rede, von einer persönlichen Umbruchsituation.

Mein Kommentar: Panik kann nicht durch Fahrbetreuung allein bewältigt werden

Mir fehlt im Artikel ein wichtiger Hinweis, dass Leute mit solchen Angsterkrankungen wie Panikattacken in Therapie gehören. Nicht alles lässt sich mit Fahren lösen. Im Gegenteil. Die Therapie ist Voraussetzung und Grundlage für eine erfolgreiche Behandlung.

Ich selbst stelle zu Beginn der Betreuung von Autobahn- oder Brücken-Panikern immer die Frage nach der Therapie. Dort wird über Symptome der Angst und über Angstgedanken gesprochen und eine mögliche Besserung angestrebt. Berufliche und familiäre Probleme werden behandelt. Ohne diese Vorarbeit wäre meine Betreuung bei Fahrten auf der Autobahn nur Stückwerk.

Umgekehrt kann der Therapeut schlecht den konfrontativen Teil der Betreuung auf der Autobahn übernehmen. Kein Therapeut wird sich ernsthaft in der Lage sehen, mit seinem Patienten auf die Autobahn oder über Brücken zu fahren, dort Angstbewältigung zu üben und ihn zu schützen, wenn die Panik kommt. Das kann wiederum nur ein kompetenter Angsthasenfahrlehrer. Als Angsthasenfahrlehrer mache ich das in enger Abstimmung mit dem Therapeuten, nach oder während der Therapie. Diese enge Zusammenarbeit bürgt für den Erfolg der Betreuung.

Nun ist Frau Bärike, schöner Umstand, gleichzeitig Psychologin und Fahrlehrerin. Deswegen wird mein Hinweis auf die nötige Therapie aber nicht überflüssig. Denn sie wird im Artikel so zitiert: „Gegen die Angst hilft nur die Konfrontation mit der Angst.“ Und sie rät im diesem Zusammenhang „fahren, fahren, fahren.“ Das hört sich leider nicht nach Therapie an, ist wenn schon nur ein Ausschnitt aus den vielfältigen Maßnahmen der Therapie.

Den Hauptteil des Artikels nimmt die Schilderung einer Trainingsstunde ein. Die Wahl des Autos übernimmt AutoBild (!) - ein Lexus RC, PS-Monster mit 477 PS aus dem Rennsportbereich. Sie fahren mit Tempo 140 bis 150 km/h zu einer Brücke, auf der die Panik begann. Während der Betroffene zu Anfang noch „Spaß am saftigen Sound“ hat, wird er bei der Fahrt auf der Brücke immer schweigsamer. Auf die Frage der Psychologin nach seinen Gedanken antwortet er: „Dass ich die Kontrolle über den Wagen verlieren könnte. Damals war ich schon hier bis zum Anschlag auf Adrenalin.“

Mein Kommentar: Angstbewältigung hat Vorrang, sie muss auch die Autowahl bestimmen

Die Wahl des Autos hätte Frau Bärike keinesfalls AutoBild überlassen dürfen. Und schon gar nicht die Wahl eines solchen PS-Monsters. Es geht ja auch gar nicht in erster Linie um Tempo und Sound, sondern um Angstbewältigung. Und damit ist es bei diesem Betroffenen noch nicht weit her. Er äußert ja die Angstgedanken, er könne „die Kontrolle über den Wagen verlieren.“ Durch die von AutoBild bestimmte Autowahl sind nun alle Beteiligten in eine gefährliche Situation geraten. Was wäre denn geschehen, wenn der Betroffene wirklich Panik bekommen hätte?

Ich selbst fahre bei diesem Stand der Angstbewältigung immer mit dem Fahrschulwagen. Das finden die Betroffenen auch ganz richtig. Vor der Fahrt üben wir die Übergabe des Wagens an mich, falls tatsächlich der befürchtete Kontrollverlust eintritt. Diese Möglichkeit finden die Betroffenen sehr beruhigend.

Natürlich fahren wir auch mit dem eigenen Wagen der Betroffenen, wahlweise auch mit einem Mietwagen. Aber erst dann, wenn klar ist - durch eine Testfahrt ohne Hilfe -, dass die Angstbewältigung in den angstauslösenden Situationen beherrscht wird. Dazu gehören folgende Punkte:

  • Milderung extremer Symptome (Herzklopfen, Muskelkrampf, Tunnelblick

  • Rationaler Umgang mit den Angstgedanken und

  • Durchsprechen aller Probleme beim Auftreten von Panik.

Zum letzten Punkt gibt ein Textkasten des Artikels einige Hinweise. Aber nicht zur entscheidenden Frage: Wie kann ich denn Anzeichen von Panik im Vorfeld erkennen und mich darauf einstellen?

Wenn die Angstbewältigung geschafft ist, spielt auch die Wahl des Wagens – viel oder wenig PS – keine große Rolle mehr.

Zusammenfassung:

Hilfetipps gibt der Artikel kaum, dafür reißerischen Unsinn, die Fahrt mit dem PS-Monster, obwohl die Angstbewältigung noch gar nicht geschafft ist. Der Hilferuf des Betroffenen, er hätte Angst, die Kontrolle über den Wagen zu verlieren, wurde leider nicht ernst genommen.

Umgang mit Medien - Mitverantwortung wahrnehmen

Zum Schluss muss ich aus eigener Erfahrung noch ein bisschen über den Umgang mit Medien reflektieren:

Angsthasenfahrlehrer/innen gibt es in Deutschland nur ganz wenige. Die Medien sind an dem Thema Fahrangst wiederum interessiert. Das wäre eigentlich Grund genug, auf der eigenen Beteiligung an der Produktion zu bestehen. Denn die Medienproduzenten arbeiten oft nach sachfremden Kriterien. So wie AutoBild den Lexus RC für die Betreuung des Panikers auswählte.

Ich erinnere mich an eine Filmfirma, die telefonisch von mir verlangte, bei einem Film über Panik am Steuer müsse ich garantieren, dass die beteiligten Angsthasen Panik zeigten. Es gäbe hohe Kosten bei der Filmproduktion, ein Risiko könne man nicht eingehen. Und ohne Panik sei der Film uninteressant. Als ich ablehnte, war der Mitarbeiter sauer und legte sofort auf. Mir war's recht.

Ein anderes Beispiel: Eine Filmfirma produziert für einen Privatsender bei uns einen Film über Fahrangst und Prüfungsangst. Die Kandidatin tut sich, kurz vor der Prüfung, noch schwer mit dem Einparken. Das wird gefilmt, ist ja auch ok. Beim Rangieren in der Parklücke nähert sich ein übelwollender Neuköllner und beschimpft die arme Fahrschülerin. In diese Lücke käme ja ein Lastwagen rein, sie solle lieber radfahren. Das Schimpfen wird genüsslich mitgefilmt. Ich protestiere, ebenfalls die Fahrschülerin. Ich verlange, dass dieser Filmteil nicht gesendet wird. Man antwortet mir ausweichend. Damit gebe ich mich leider zufrieden. Schlussendlich wird diese Szene doch gesendet.

Die Medienschaffenden sind ständig auf der Suche nach besonders aufreizenden, zugkräftigen Geschichten. Außerdem sind sie von ihrer Wichtigkeit überzeugt und flößen dieses Gefühl auch den Beteiligten ein. Dann geben diese womöglich nach, gegen ihre eigenen Interessen. Da muss man halt standfest sein, und womöglich auf Artikel oder Filme verzichten. Oder einigermaßen tragbare Kompromisse schließen.

Es gibt aber auch schöne Beispiele der Zusammenarbeit mit Medienproduzenten, die ich erlebt habe:

Die Firma Herrmannfilm, die für die ARD arbeitet, hat mich sehr partnerschaftlich bei einer Filmproduktion über das Thema Fahrangst beteiligt. Wir konnten dadurch die wichtigsten Möglichkeiten der Fahrangstbewältigung zeigen. Es wurde durch die Zusammenarbeit aller ein inhaltsreicher, spannender Film: Ich meine den Film „Fahrschule für Angsthasen“, den der rbb am gesendet hat. Dieser Film, den wir auch über die Homepage verlinken, wird oft angeklickt und von unseren Angsthasen sehr gelobt.