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Transporter gegen Kettcar

Ein schlimmer Unfall, ein Kind ist gestorben. Hätte der Unfall vermieden werden können?

Am Fr 17.07.2005 wird in Berlin von einem furchtbaren Unfall berichtet, der sich tags zuvor in Blankenfelde-Mahlow ereignet hat.

Der vierjährige Felix wohnt mit seiner Familie in einer Reihenhaussiedlung in Blankenfelde, südlich von Berlin, in der Nähe der B 96 zwischen Berlin und Zossen. Felix wünscht sich zu seinem Geburtstag ein Kettcar. 

Felix fährt in den Tod

Ein Kettcar ist ein Tretauto für Kinder, hergestellt von der Firma Kettler. Felix wünscht es sich so dringend, dass die Eltern ihm das Kettcar schon drei Tage vor seinem Geburtstag geben.

Felix fährt mit seinem neuen Kettcar vor der Reihenhaussiedlung auf dem Gehweg hin und her, dann überquert er die stark befahrene Durchgangsstraße Am Lückefeld in Richtung Wiesenweg. Diese breit ausgebaute Straße windet sich etwa wie ein langes Oval um ein Gewerbe- und Shopping-Gebiet.

Kettcar. Aus Wikipedia CC-BY
Kettcar. Aus Wikipedia CC-BY

  Auf der Durchgangsstraße ist 50 erlaubt. Auf dem Rückweg passiert der Unfall, als Felix wieder die Durchgangsstraße überquert. Er rollt zwischen parkenden Autos auf die Straße. Ein Fahrer (46) „kommt mit seinem Transporter aus einer Kurve, das flache Kettcar vor ihm sieht er von seinem hohen Fahrersitz aus erst viel zu spät. Felix ist sofort tot.“ (BZ 17.07.2015) Die Eltern erleiden einen Schock, werden von Seelsorgern betreut.

Der Fahrer hat keinen Alkohol getrunken. Zur BZ sagt die Polizei: „Den Mann trifft nach jetzigem Stand keine Schuld an dem Unfall. Das war eine tragische Verkettung von Umständen.“

Ich bin traurig mit den Eltern. Sie werden sich Vorwürfe machen, den Jungen allein fahren gelassen zu haben. Man hätte ihn ja begleiten können, dann wäre nichts passiert. Wieder und wieder die tosenden Vorwürfe. Die Eltern tun mir sehr leid. Sie brauchen jetzt wirklich viel Hilfe.

Welche Aufgaben hat die Polizei?

Ich bin nicht einverstanden mit der Aussage der Polizei, die den Transporterfahrer sofort von Schuld frei sprach. Das ist sowieso überhaupt nicht Aufgabe der Polizei, Unfallbeteiligte von Schuld frei zu sprechen. Wenn der Unfall schwer war, muss die Polizei am Unfallort Beweise sichern, Zeugen befragen, als Voraussetzung für ein mögliches Gutachten und ein Gerichtsurteil.

Alle mir bekannten Medien haben die Aussage der Polizei, den Transporterfahrer treffe keine Schuld, sofort übernommen. Hier kann man sehen, wie solche Aussagen in Windeseile übers Internet die Meinung der Öffentlichkeit prägen.

War der Unfall mit dem Kind eine „eine tragische Verkettung von Umständen“?

Wenn das so wäre, dann könnten solche Unfälle wieder und wieder passieren, nichts würde sich ändern. Das darf nicht sein, ein bisschen nachdenken sollte man schon. Es geht doch darum, solche Unfälle künftig zu verhindern, das Leben der Kinder zu bewahren.

  1. Geschwindigkeit in der Kurve: Der Transporterfahrer kam aus einer Kurve. Wer in eine Kurve fährt, sieht meistens nicht viel und sollte daher langsamer fahren, nicht gerade 50 km/h. Die StVO verlangt von uns in § 3 (Geschwindigkeit), Abs. 1: „Der Fahrzeugführer darf nur so schnell fahren, dass er sein Fahrzeug ständig beherrscht....Er darf nur so schnell fahren, dass er innerhalb der übersehbaren Strecke halten kann.“

  2. Geschwindigkeit nach der Kurve: Nach der Kurve geht es gerade aus weiter. Die Straße Am Lückefeld ist breit, gerade, geteilt durch eine Mittelinsel. Kann man hier die 50 fahren? Eigentlich ja – aber: Auf der einen Seite befindet sich die Reihenhaussiedlung, durch einen gepflasterten Pfad getrennt von der Fahrbahn, auf der anderen Seite haben sich sich Firmen und ein großes Einkaufcenter niedergelassen. Von links und rechts „droht“ Fußgängergefahr. In solchen Fällen ist 50 zu viel. 

Blankenfelde, Reihenhaussiedlung und Straße Am Lückenfeld. Aus Google Street View
Blankenfelde, Reihenhaussiedlung und Straße Am Lückenfeld. Aus Google Street View

Tempo und Anhalteweg

Wie schnell der Transporterfahrer wirklich gefahren ist, wird hoffentlich noch ein Gutachter ermitteln. Es macht aber einen großen Unterschied, ob 50, oder, was angesichts der Verhältnisse angemessener gewesen wäre, weniger als 50.

Anhalteweg bei 50 wäre nach der Fahrschulformel (Anhalteweg = Reaktionsweg + Bremsweg bei Gefahrbremsung:

50/ 10 x 3 = 15 m, + 50/ 10 x 50/ 10 = 25 m, /2 = 12,5 m, also 15 m + 12,5 m = 27,5 m.

Was heißt diese Formel konkret? Wäre der Fahrer 50 gefahren, der Junge bei 27,5 m ins Sichtfeld des Fahrers geraten, hätte der Fahrer noch anhalten können. Bei weniger als 27,5 m nicht mehr.

Anhalteweg bei nur 40 wäre nach der Fahrschulformel (wie oben) 12 m + 8 m = 20 m.

Das heißt bei 20 m und Sicht auf das Kettcar und den Jungen hätte der Fahrer noch anhalten können. Das ist ein Unterschied zu den 50 km/ von knapp 8 m!!

Was ich fürchte, ist, dass der Transporterfahrer zu schnell gefahren ist. Zu schnell nicht nur für die Verhältnisse, sondern über das erlaubte Tempo hinaus, vielleicht sogar 60 oder mehr. Viele Transporterfahrer stecken durch die Art ihrer Aufträge unter hohem Druck. Wie gesagt, das ist lediglich eine Vermutung, alles Weitere müsste ein Gutachten ergeben.

Anhalteweg bei 60: Wäre er 60 gefahren, dann sähe die Rechnung so aus:

Anhalteweg bei 60 nach der Fahrschulformel 18 + 18 = 36 m. Das heißt, bei einer Entfernung unter 36 m hätte der Transporterfahrer nicht mehr anhalten können.

Mit steigendem Tempo verschlechtern sich die Chancen des Jungen rapide.

Mit dem langsameren Tempo 40 steigen verringert sich nicht nur der Anhalteweg. Zusätzlich wird auch der Tunnelblick aufgelockert, der Blick schweift, man beobachtet automatisch die Ränder mehr.

Konnte der Fahrer den Jungen im Kettcar sehen oder nicht?

Natürlich konnte der Transporterfahrer den Jungen sehen und anhalten, bei einigem Abstand und weniger Tempo. Sonst könnte ja kein Lkw-Fahrer ein Kind sehen und anhalten.

Die Polizei bringt aber einen anderen Aspekt ins Spiel – den toten Winkel. Tatsächlich ist der tote Winkel im Transporter oder gar im Lkw nach vorne und zur Seite größer als im Pkw. Und der Junge im Kettcar ragte nur wenig über dem Boden auf, geschätzt weniger als ein Meter. Wenn der Junge mit seinem Kettcar durch die geparkten Autos auf die Durchgangsstraße zukroch, gleichzeitig der Transporterfahrer auf diese Stelle zuschoss, noch nichts sah, und als der Junge auf die Fahrbahn fuhr, nichts mehr sehen konnte, wegen des toten Winkels – dann wäre tatsächlich der Fall eingetreten, „tragische Verkettung von Umständen“.

Dieser Fall ist aber nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus der Fülle der vielen Ausschnitte im Gesamtablauf, bei denen man noch etwas hätte tun können, um den Unfall zu verhindern. Doch auch hier trifft die Polizei ohne Not sofort eine Vorentscheidung: Nein, er konnte von seinem hohen Fahrersitz aus den Jungen nicht sehen. Aber ab wann der Fahrer den Jungen überhaupt sehen konnte, ob der Fahrer den Jungen im konkreten Fall sehen konnte oder schon nicht mehr, das kann nicht die Polizei, sondern wirklich nur ein Gutachter entscheiden. Und der braucht die konkrete Vorarbeit der Polizei, Beweise festhalten, Zeugen befragen.

Wie können wir solche Unfälle verhindern?

Die meisten Unfälle haben viele Ursachen, so wie dieser. Wenn wir dies beachten, dann können wir dazu lernen und vielleicht nächstes Mal selbst einen Unfall vermeiden: 

  • Die Eltern hätten sich um ihr Kind bei seiner ersten Fahrt und bei weiteren Fahrten im Kettcar kümmern müssen

  • Der Transporterfahrer hätte ein wenig langsamer fahren und den Blick nach rechts oder links schweifen lassen müssen. Ich vermute, er war angestrengt und abgelenkt vom Druck eines harten Dienstplans

  • Die Straße Am Lückefeld inmitten der Reihenhaussiedlung und der Firmen und Shoppingcenter ist wegen ihres breiten Ausbaus und Geradheit gefährlich. Gerade deswegen sollte man dort nicht schnell fahren.

  • Die Behörde sollte über eine Geschwindigkeitsbeschränkung oder verkehrslenkende, bauliche Maßnahmen nachdenken. Tempo 30 wäre richtig. 

  • An Stellen, wo häufig Fußgänger die große Straße überqueren, müsste ein Haltverbot für bessere Sicht sorgen. 

Haftung für die Unfallfolgen

Zum „Trost“ für die Eltern – das Haftungsrecht ist im Falle eines Verkehrsunfalls mit Kindern sehr kinderfreundlich. Immer ist der Fahrer mit seiner Transporter-Versicherung in der Pflicht, selbst wenn er noch so wenig „Schuld“ hat. Und die auch bei einer „tragischen Verkettung von Umständen“. Die Eltern müssten sich nur schleunigst einen Anwalt nehmen. 


Quellen:

BZ 17.07.2015

Berliner Zeitung 17.07.2015, Polizeimeldungen

Google Maps und Google Street View, Blankenfelde, Ausschnitt