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 Autobahn fahren ohne Panik

Wie Sie Ihre Panik auf der Autobahn bewältigen, kontrolliert und wieder angstfrei fahren

Eine junge Frau fährt zum ersten Mal nach fünf Jahren wieder auf die Autobahn. Sie leidet an der Furcht vor dem Auftreten von Panikattacken auf der Autobahn, hat die Autobahn deswegen so lange Zeit gemieden. Denn sicheres Fahren ist so nicht mehr möglich.

 Zum Erscheinungsbild der gefürchteten Panikattacken gehören Herzrasen, Schweiß an Gesicht und Händen, Tunnelblick und verschleierte Sicht, das Gefühl, weitab neben sich zu sein, sich nicht mehr kontrollieren zu können. Kein Wunder, dass sie unter diesen Umständen nicht mehr fahren will, sondern die Autobahn konsequent meidet.  Denn alle Angsthasen haben auch ein gehöriges Maß an Verantwortungsbewusstsein. Nach den ersten Erfahrungen mit der Panik heißt es schnell: "Nie wieder!" 

Nun fährt sie aber mit mir, Frank Müller, von der Angsthasenfahrschule, auf die Autobahn. Sie hat Angst, ist zittrig, aber irgendwie fährt sie doch. Tapfer, aber auch vertrauensvoll. Was ist passiert?

In schweren Fällen hilft eine Therapie

Einen wichtigen Beitrag hat die Angsthäsin schon geleistet. Sie hat eine Therapie hinter sich gebracht. Die Therapeutin hat ihr geraten, sich ihrer Angst vor Panik auf der Autobahn mit Hilfe einer Angsthasenfahrschule zu stellen. Die Angsthäsin hat sich trotz ihrer Angst in die Fahrschule aufgemacht. Sie hat sich mit anderen Angsthasen in der monatlichen Inforunde getroffen, dort ihre Geschichte erzählt und die anderer angehört. Das hat ihr einen ersten Eindruck gegeben: Sie ist nicht allein, andere verstehen sie. Frank Müller hat in der Inforunde die Grundsätze der Angstbewältigung erläutert.

Einzelgespräch - was macht mir besonders Angst?

Eine Woche nach dem Angsthasentreff treffen wir uns zu einem ausführlichen Einzelgespräch. Manchmal auch schon einer Probestunde. Doch in diesem Fall wollte die Angsthäsin bei der ersten Begegnung nur über ihre Probleme reden. Es geht um ihre Ängste, wie schon zuvor geschildert. Nun aber soll sie auch auf Anzeichen im Vorfeld achten und lernen, die Intensität ihrer Ängste regelmäßig nach einer Gradskala von 1 - 10 anzusagen.

Wir sprechen auch über die Situationen auf der Autobahn, die nach ihrer Befürchtung besonders angstauslösend sind. Das sind typischerweise die nachfolgend genannten Situationen.

 

Angstauslösende Situation: Lkw überholen, Kurve. Tunnelblick auf den Asphalt wirkt hypnotisierend

  • Lange Autobahnetappen ohne Ausfahrt
  • Kein Seitenstreifen
  • Überholen von Lkw. Das Befahren des mittleren Fahrstreifens ist ohne Lkw besser möglich
  • Überholen von Lkw und Autobahnkurven
  • Rechts Verbreiterung der Autobahn durch dort einmündende andere Autobahn mit mehreren Fahrstreifen und Blockmarkierung
  • Tunnel
  • Baustellen, nur noch ein Fahrstreifen befahrbar
  • Drängler
  • und vor allem Tempo. Ungefähr bei Geschwindigkeiten über 90/ 100 km/h tritt Panik beinahe reproduzierbar auf.

Erklärbar sind diese Situationen als besonders angstauslösend: Wenn kein Seitenstreifen vorhanden ist und Panik auftritt, dann kann man sich nirgendwohin flüchten. Von der Panik mit Macht ergriffen drohen mitten auf der Fahrbahn massive Gefahren. Aber nicht allein die Situationen sind angstauslösend. Die Angst lauert überall, jederzeit kann sie zuschlagen und in der Anspannung eine weitere Panikattacke auslösen.

All diese besonders starke Ängste auslösende Situationen wollen wir zu Anfang vermeiden.

Der Ablauf der Betreuungsstunde

Dann kommt der spannende Tag, die erste Betreuungsstunde. Ich sage bewusst nicht "Fahrstunde", denn der Inhalt einer Betreuungstunde ist anders:

  • Wir sprechen noch einmal über die Vorgeschichte und die Probleme der Angsthäsin

  • Wir bereiten uns vor auf die in der folgenden Betreuungsstunde vielleicht auftretenden Ängste und trainieren im Vorfeld Entspannungsübungen

  • Wir fahren in die Angstsituation hinein, wir stellen uns der Angst und versuchen, sie auszuhalten und zu kontrollieren.

Auch nach der mehr oder weniger geglückten Bewältigung von Angstsituationen fahren wir oft rechts heran und sprechen über das Erlebte. Das heißt, wir müssen die Autobahn für das Gespräch verlassen oder auf einen Parklplatz fahren. Falsche Gedanken, die im Kopf irrlichtern, müssen nun zurecht gerückt werden. Ein falscher Gedanke wäre beispielsweise: "Die Panik kommt blitzschnell über mich. Ich bin hilflos." Richtig ist, dass die Panik sich sehr gut schon im Vorfeld beobachten lässt, durch ein Bauchgrimmen oder schnelleren Herzschlag oder verringerte Konzentration durch Druck im Kopf.

Der Fahrschulwagen wird manchmal an den Fahrlehrer übergeben

Der Kern der Angst ist, mitten auf der Autobahn eine Panik zu erleiden, nicht mehr rechtzeitig weg zu kommen, die Kontrolle über sich zu verlieren und dadurch einen schweren Verkehrsunfall zu verschulden. Oder eine Panik zu erleiden, im Gefolge schwerer Herzschlag, Ohnmacht, Tod. Und dadurch wahrscheinlich noch andere mit in den Tod zu reißen.

Doch gemach. Da die Angsthäsin sich einem Angsthasenfahrlehrer anvertraut hat, ist die erste, wichtigste Hilfestellung leicht: Wir üben vor der Autobahnfahrt das Übergeben des Wagens an den Fahrlehrer. Würde die Panik wirklich kommen, dann würde eben der Fahrlehrer übernehmen, Sie als Angsthäsin könnten sich in Ruhe ihrer Panik widmen. Klar, dass bei dieser Konstruktion in den meisten Fällen gar keine Panik kommt. Das ist auch geplant so. Denn für den Anfang wollen wir einfach zeigen, dass das Fahren auf der Autobahn wieder geht. Und dass es möglich ist, während der Fahrt Entspannungsübungen zu machen.

Schwierig ist oft die Übergabe. Denn alle Angsthasen haben den Führerschein. Und den Wagen jemand anderem zu übergeben, fällt ihnen manchmal sehr schwer. Daher üben wir die Übergabe schon auf dem Weg zur Autobahn, bei der noch harmlosen Stadtfahrt.

Erste Streckenwahl der Autobahn. Aufregung dämpfen

Die Strecke der Stadtautobahn, die ich heraus gesucht habe, ist einigermaßen "freundlich" zu einer Panikerin. Sie ist gerade, mit vielen Ausfahrten, mit Seitenstreifen, um notfalls anhalten zu können, und vor allem mit mehreren Tempobeschränkungen: Max. 80, dazwischen aber auch 60, einmal sogar nur 40 km/h.

Auch das manchmal gefürchtete Einfahren über einen Beschleunigungsstreifen vermeiden wir. Wir fahren einfach über eine große Kreuzung mit Ampelregelung, an deren anderem Ende die Autobahn beginnt.

PME Progressive Muskel-Entspannung
PME Progressive Muskel-Entspannung

Die Aufregung ist zu Anfang hoch, 7 - 8, aber das ist normal, wir haben es schon vorher besprochen. Dann, nach einer gewissen Gewöhnung, legt sich die Nervosität ein bisschen, wir sind bei 4 - 5. Immerhin, ganz passabel. Mit der Gewöhnung allein ist es nicht getan, wir trainieren eifrig Entspannungsübungen. Alle Übungen sind so konzipiert, dass sie bei der Fahrt oder in einer kurzen Fahrpause ausgeführt werden können:

  • Laufendes Benennen der Nervosität und der besonderen Symptome, in Zahlen für die Intensität, von 1 - 10
  • Lautes Beschreiben der Situation und der weiteren Vorhaben
  • Progressive Muskelverspannung, im Arm- und im Schulterbereich, falls sich dort Panik anbahnt (oft Richtung Kopf). So wie im Bild: Kräftiges Anspannen der Schulter-, Arm- und Handmuskeln, langsam bis 5 zählen, dann ausatmen und die gespannten Muskeln langsam entspannen. Spüren, dass sie wieder weich werden
  • Fleißiges Schauen vor und zurück, Mitte, links und rechts gegen den gefürchteten Tunnelblick, der wegen des heran jagenden Asphalts eine Art Gesichtsschleier und beinahe Hypnose erzeugen kann
  • Langsames, ruhiges Schalten und Gas Geben. Auch die ruhigen Bewegungen tragen zur Entspannung bei.

Was uns noch sehr hilft: Wir fahren eher sehr vorsichtig und etwas gemächlich, kommen der gefürchteten Grenze von 80 km/h und mehr nicht zu nahe. Das ist der schon bekannte Angsthasenfahrstil. Dazu trägt bei, dass dieser gewählte Autobahnabschnitt vom Höchsttempo her sowieso variabel ist - 80, 60, 40 - alles ist dabei.

So gelingt es uns in der Regel, schon bei der ersten Fahrt auf der Autobahn die Nervosität auf 3 - 4 zu drücken. Und das nach vielleicht 10 Jahren Vermeidung der Autobahn aus Angst! Und nun raus aus der Autobahn, kurze Pause und Nachgespräch: Strahlendes Gesicht.

Rückfahrt mit Panik

Die Rückfahrt beginnt hoffnungsfroh, wenig Spannung und Angst. Hinter uns ein Lkw, der ein bisschen drängelt. Wir fahren 70, statt der angebenen Höchstgeschwindigkeit 80. Unser Pkw hat das Fahrschulschild. Schließlich überholt der Lkw. Doch im selben Augenblick setzt heftige Panik ein. Herklopfen, Druck im Kopf, verschleierte Sicht, das starke Gefühl mangelnder Kontrolle über sich. Die Angsthäsin ächzt. Ich merke schon, was geschehen ist, bitte sie, mir zu übergeben. Ich übernehme den Wagen. Augenblicklich löst sich der ängstigende Krampf wieder. Nach einer Minute kann sie schon wieder selbst fahren.

Beim Schlussgespräch ist sie enttäuscht. Es hatte doch so vielversprechend begonnen?? Und jetzt das. Ich muss sie mahnen und beruhigen. Es ist normal, dass die Panik wieder kommt. Für uns ist es in Zukunft sogar ein Glücksfall. Denn so können wir besser den Umgang mit der Panik üben. Für den Notfall bin ich ja immer da. Wichtiger ist, dass die Angsthäsin im Grunde schon mal gelernt hat, die normale Spannung bei der Fahrt zu mildern und verkehrstüchtig weiter zu fahren.

Die alte Strecke und eine neue dazu - mehr Angstsituationen

Beim nächsten Mal rufe ich zur Sicherheit vorher an. Gut so, denn die Aufregung der Angsthäsin ist schon im Vorfeld so gestiegen, dass sie beinahe nicht gekommen wäre. Hier macht sich ein kleines Teufelchen an die Arbeit! Denn die schwarzen Gedanken drehen sich während der Zeit unaufhörlich im Kreis. Vor allem die Panik am Schluss macht ihr zu schaffen. Die dringende Hoffnung war wohl, die Sache schon beim ersten Mal grundsätzlich zu erledigen. Das kann aber so schnell nicht gehen.

So sprechen wir wieder zu Anfang. Mein dringender Rat, solche Vorfälle lockerer zu nehmen und sich über die neuen Entspannungsmöglichkeiten zu erfreuen. Ich bitte sie, ein bisschen langfristiger zu denken und zäh dran zu bleiben. Wichtig ist vor allem, auf Anzeichen der Panik im Vorfeld zu achten. Dann können wir diese durch Entspannungsübungen besser steuern. Sie beschreibt die Vorzeichen der Panik so: Ein Grummeln in der Magengegend, das sich irgendwie nach oben fortsetzt. Gefährlich wäre, wenn das unangenehme Gefühl den Kopf erreicht.

Begleitete Fahrt im Autobahntunnel (im Bild schon im eigenen Wagen)
Begleitete Fahrt im Autobahntunnel (im Bild schon im eigenen Wagen)

Wir fahren die schon gewohnte Strecke. Immerhin, auf der Rückfahrt bricht dieses Mal keine Panik aus. Wir wollen aber nicht gleich nach Hause, sondern in einen Tunnel, den längsten Tunnel im Berliner Raum. Immerhin gehören auch Tunnel zu den Angstsituationen, die Panik auslösen können. Die Aufregung steigt im Tunnel etwas, auf über 5, dennoch bleibt die Spannung beherrschbar. Das befürchtete Grummeln meldet sich zweimal, bleibt aber im Rahmen  durch lautes Sprechen über den Zustand. Dann fahren wir noch eine neue Strecke Autobahn, geradeaus, gleichmäßíg 80 km/, viel Verkehr, viel Ausfahrten, einige kleine Tunnel, alles unter 5.

Wir trainieren Entspannung mit den oben genannten Methoden. Diese Übungen sollen schlicht und einfach zur Routine werden.

Die Angsthäsin ist glücklich, sie hofft nun, die Panik sei einigermaßen bewältigt. Ich warne sie, so schnell gehe das nicht. Wir sollten uns lieber auf die Entspannungsübungen konzentrieren.

Verbreiterung der Autobahn, mehr Tempo. Geht es ohne Panik?

In der dritten Stunde wollen wir über die Autobahn nach Süden fahren, an Schönefeld vorbei, Richtung Dresden. Dort ist Tempo über 80 km/h möglich. Wir werden hier ein bisschen experimentieren, was geht und was nicht. Jeweils kombiniert mit Entspannungsübungen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Immerhin hat die Angsthäsin 90 geschafft, kurzzeitig, ein schönes Ergebnis, unter Einsatz mehrerer Entspannungsübungen.

Wichtiger ist noch ein anderer Punkt: Bei Stellen, wo höheres Tempo möglich ist, werden wir immer mal wieder bedrängt, wenn wir "nur" 80 km/h fahren. Unter den Dränglern sind vor allem Lkw-Fahrer, die ungefähr 90 fahren und wahrscheinlich etwas unwillig über das langsamere Pkw-Tempo sind. Doch das wollen und müssen wir aushalten. Schneller zu fahren ohne weitere Angstbewältigung könnte eine Panikattacke produzieren, dann wären alle Verkehrsteilnehmer nicht gut dran. Langsameres Tempo einhalten und Drängeln aushalten ist ein wichtiger Punkt der Bewältigung der Panik auf der Autobahn. 

 

Verbreiterung der Autobahn durch rechts abgehenden Autobahnabschnitt. Wir fahren mittig weiter. Das kann Angst auslösen: Lautes Sprechen hilft!
Verbreiterung der Autobahn durch rechts abgehenden Autobahnabschnitt. Wir fahren mittig weiter. Das kann Angst auslösen: Lautes Sprechen hilft!

Weitere Belastungssituationen sind einführende oder abgehende Autobahnabschnitte. Dabei wird die Autobahn rechts kurzzeitig um weitere Fahrstreifen erweitert. Wir befinden uns plötzlich in der Mitte des Geschehens, Flucht nach rechts ist nicht mehr so leicht möglich. Die momentane Verbreitung der Autobahn macht Angst, zwischendurch sind wir auf 6 - 7, doch die Angsthäsin steht das durch.

Nach einer halben Stunde ist Schluss, der innere "Speicher" der Angsthäsin für das Aushalten der ganzen Spannungssituationen ist erschöpft. Wir fahren bei Ragow raus aus der Autobahn und machen 10 Minuten Pause. Wir trinken etwas und sprechen ein bisschen. Immerhin hat sie nun nach der langen Zeit der Vermeidung zum ersten Mal auch etwas schwierigere und ängstigende Autobahnabschnitte geschafft. Das kostet aber noch viel Kraft. Wir besprechen, dass sie nach diesem Modell immer dann Pause machen wird, wenn sie spürt, dass der innere Speicher erschöpft ist, ihre Kraft zu Ende geht.

Mit der Angst leben, die Angst annehmen

Wir beginnen die nächste Fahrt mit einem längeren Gespräch über die Angstbewältigung.

Bis jetzt haben wir uns vor allem mit den nervlichen Auswirkungen der Angst beschäftigt, versucht, diese durch lautes Sprechen, andere Entspannungsmöglichkeiten und einigermaßen ruhiges Fahren im Angsthasenfahrstil um Tempo 80 herum zu mildern. Wir achten vor allem auf das Entstehen der Angst im Vorfeld und beginnen dann sofort mit unseren Maßnahmen. Das ist ein guter Einstieg, bringt sofortige Hilfe. Wir bekommen dadurch sogar die Spannungspitzen weg, die vielleicht Panik auslösen, die Konzentration zerstören, eine Denkblockade erzeugen und so das verkehrssichere Fahren blockieren können.

Genau das ist ja auch ein wesentlicher Kern der Angst: Ich bekomme Panik, kann den Wagen nicht mehr beherrschen, dadurch verschulde ich einen schweren Verkehrsunfall. Nun können wir die Panik wenigstens partiell kontrollieren.

Das ist ein guter Einstieg, dennoch lauert die Angst weiter. Sie ist gefesselt, nicht gezähmt und befriedet. Sie wird nach wie vor gefürchtet. Wenn ich Angsthäsen/Angsthäsinnen ihre Angst beschreiben lasse, dann fallen solche Ausdrücke wie: Schlange, Untier, Krokodil, Raubtier, Kampfhund. Sie ist wie ein böses Tier, das plötzlich zuschlägt und den Tod bringt. Vor dieser Angst haben sie tatsächlich Angst.

Nun überlegen wir gemeinsam, dass die Angst auch etwas Gutes tut, sie will uns schützen. Das kommt schon darin zum Ausdruck, dass die Angst uns nicht mehr als 80 km/h fahren lässt, wir dürfen keine Lkw überholen, auch nicht in der Mitte fahren, sondern nur brav rechts. Und hier haben wir tatsächlich eine Gemeinsamkeit mit der Angst gefunden: Wir wollen verkehrssicher fahren, die Angst will auch Sicherheit.

Die Katze ist lieb und schnurrt. Sie kann aber auch mit ihren Krallen tatzen und weh tun
Die Katze ist lieb und schnurrt. Sie kann aber auch mit ihren Krallen tatzen und weh tun

Wir können der Angst sogar einen Deal anbieten, einen besonders günstigen Handel: Die Angst kann ruhig kommen, achtet auf Sicherheit, wir auch. Wir laden sie regelrecht ein, dafür und zugleich achten wir auf Verkehrssicherheit, wollen dabei auch nicht von der Angst blockiert werden. Das Sinnbild der Angst kann unter diesen Umständen nicht mehr ein Raubtier sein, sondern etwas Netteres. Ich bitte die Angsthäsin, einen besseren Vorschlag zu machen. Sie kommt auf eine Katze. Eine Katze kann schmusen, sie kann aber auch, wenn sie sich in ihrer Freiheit bedroht sieht, nach ihrem Menschen tatzen, ihm mit ihren Krallen weh tun.

Ich muss schmunzeln, denn nun wählt die Angsthäsin eine Katze als ihr Autotier. Häsin und Katze, wird das gut gehen? Das nächste Mal will sie eine Katze als Plüschtier mitbringen.

Die Angst loszukriegen ist sehr ehrenwert und wichtig, aber als Ziel doch etwas grau. Ich frage die Angsthäsin, was sie denn gerne mit dem Auto möchte: Sie will am liebsten mit ihrem Mann, so wie früher, schöne Fahrten in den Urlaub machen. Sie will ihn dabei am Steuer ablösen. Es muss nicht spektakulär weit sein, nicht Italien, Spanien ist im Sinn. Nein, Brandenburg, Sachen, Thüringen, Ostsee, das reicht ihnen völlig. Aber die Fahrten sollen ohne Angst auch über die Autobahn führen können. Das ist ja ein wunderbares Ziel! Ich bitte sie, das nächste Mal eine schöne Karte von ihren gewünschten Urlaubsort mitzubringen. Die werden wir deutlich sichtbar im Wagen auf der Mittelkonsole ablegen. Die Karte soll sie aufmuntern und ihr neue Motivation verschaffen, wenn die ganze Betreuungsarbeit und der Kampf gegen die Angst etwas zäh geraten und nicht mehr sinnvoll erscheinen.

Als Fahrstrecke wählen wir genau die letzte Strecke, machen wie gewohnt Entspannungsübungen. Zusätzlich bitte ich sie laut zu sagen: "Liebe Angst, Du kannst gerne kommen. Ich achte auf die Verkehrssicherheit." Die Verbreiterung der Autobahn macht dieses Mal weniger Mühe. Insgesamt ist die Höhe der Grundspannung gesunken. Und als wir dennoch bei Ragow die Autobahn verlassen, ist der innere Speicher nicht erschöpft.