Blue Flower

Entspannt Auto fahren

Das Auto - ein gefährlicher Tiger?

Die Angst vor dem Auto überwinden, locker und routiniert fahren

Vorbemerkung: Sie haben Angst vor dem Auto, haben Probleme bei der Bedienung des Autos. Sie fürchten, dass Sie die Kontrolle über das Auto verlieren, dass es in der Folge zu einem schlimmen Unfall kommt. Ihnen mache ich Hoffnung: Sie können die Angst vor dem Auto bewältigen - durch Schritt-für-Schritt-Übungen, wie im Artikel dargestellt. Diese Übungen zeigen beides - den richtigen Stoff, aber auch für ängstliche Menschen so aufbereitet, dass Sie Ihre Angst bewältigen und wieder gerne mit dem Auto umgehen.  

Ich fahre mit allen autoängstlichen Menschen zuerst ins ruhige Gewerbegebiet und praktiziere dort die nachfolgend geschilderten Übungen. Vor dieser ersten Fahrt empfehle ich die Lektüre des Artikels. 

Julia hat Angst vor dem Schalten

Julia kann das Auto nicht kontrollieren: Sie gerät in einen schlimmen Unfall - Angst vor dem Autofahren!

Schalthebel für die Gänge, auf dem Kopf das Schaltschema
Den Schalthebel zu bedienen ist eigentlich leicht: Langsam schalten, mit Pause beim Leerlauf. Gefühlvoll und locker in die Schaltgassen führen. Damit kann man auch in Maßen Stress abbauen

Julia hat schon immer ein bisschen Angst vor dem Autofahren. In ihrer Familie wird oft über die Gefahren gesprochen, die von Autos ausgehen. Sie erleidet tatsächlich einen schlimmen Unfall, als sie vor einer Kurve nicht bremst, sondern krampfhaft versucht, vom fünften in den dritten Gang herunter zu schalten. Nach dem Unfall fährt sie lange Zeit kein Auto mehr. Schließlich meldet sie sich bei der Angsthasenfahrschule. Ich lade sie ein zum Angsthasentreff.

Julia erzählt beim Angsthasentreff ihre Geschichte: Angst vor dem Schalten, Angst vor dem Bremsen, Angst vor dem Auto. 

Julia hat die Fahrprüfung zweimal nicht bestanden, bis es beim dritten Mal endlich klappt. Mit der Fahrschulausbildung kommt sie nicht zurecht. Ihr Fahrlehrer ist nie mit ihr zufrieden. Vor allem ihr Schalten passt ihm nicht. Er verlangt von ihr, vor gefährlichen Situationen zu kuppeln und herunter zu schalten. Sonst würde womöglich der Motor abwürgen. Es ist auch die Rede vom Bremsen. Aber auf das Kuppeln und Schalten legt er größten Wert. Das ist ihm am wichtigsten. Damit müht sie sich redlich ab, hat immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Er bestätigt sie darin, äußert Zweifel an ihren Fähigkeiten.

Als sie die Prüfung endlich geschafft hat, hat sie die Zweifel tief verinnerlicht, traut sich kaum ins Auto.. Sie leidet, so macht sie es sich vor, an einer Art "Schaltkomplex": Das ist die Unfähigkeit, angemessen zu schalten, wenn es die Situation erfordert, schließlich auch eine Angst vor diesen Situationen. Daher vermeidet sie das Autofahren, wo es nur geht. Sie schafft die Prüfung schließlich mit Ach und Krach, der Prüfer ist deutlich unzufrieden.

Nach der Prüfung macht sie mit ihrem Freund in dessen Auto einen Ausflug aufs Land. Ihr Freund fährt zuerst, dann drängt er sie, sie solle zur Übung ebenfalls fahren. Sie zögert, eigentlich möchte sie das fremde Auto gar nicht fahren. Wenn schon, dann würde sie es lieber auf einem freien Parkplatz ausprobieren. Außerdem hat sie nach wie vor große Angst vor dem Schalten. Sie will nicht und sagt das auch, doch er drängt weiter. Schließlich gibt sie nach,setzt sich ohne weitere Übung mit dem fremden Auto ans Steuer.

Sie fahren auf einer Bundesstraße, eine Linkskurve kommt in Sicht. Die Angst steigt ihr hoch. Denn jetzt sollte sie - wie gelernt - auskuppeln und vom fünften auf den dritten Gang herunter schalten. Doch in dem neuen Wagen und schon halb gelähmt vor Angst klappt das Schalten nicht. Der Gang will einfach nicht einrasten.

Die Kurve nähert sich, der Freund schreit vor Angst
Bundesstraße, gleich kommt die Linkskurve
Vor solchen Kurven hat Julia Angst. Sie hat gelernt, herunter zu schalten, aber niemand hat ihr die richtige Reihenfolge beigebracht: Zuerst zu bremsen, dann zu schalten. Wegen ihrer Angst ist sogar das Schalten blockiert

Die Kurve kommt bedrohlich nahe, Julia wird immer verzweifelter, der Freund schreit vor Angst: "Langsamer!" Julia steht der Schweiß auf der Stirn, sie packt die Panik. Voller Verzweiflung reißt sie am Schalthebel. Der will nicht, es knirscht aus dem Getriebe. Schließlich ist die Kurve da, bei Tempo 70. Sie schaffen die Kurve nicht, Julia wird vor Panik starr. Sie macht gar nichts mehr. Gott sei Dank, keine Bäume. Sie geraten auf eine sanfte Böschung. Von da springt der Wagen aufs freie Feld, rumpelt heftig über den Acker, auf eine Scheune zu. Dort geht es mit einem hässlichen Krach in das Tor der Scheune hinein. Stille.

Sie sind angeschnallt, nicht verletzt, beide stehen unter Schock. Das Auto ist schwer beschädigt. Die Reparatur der Scheune bezahlt die Versicherung. Julia muss wegen des Unfalls Bußgeld bezahlen. Die Behörde wirft ihr vor, zu schnell in der Kurve gefahren zu sein. Überdies wird sie noch zu einem Aufbauseminar verpflichtet. Die Kosten für das Abschleppen und die Autoreparatur will Julia übernehmen. Der Freund lehnt ab, bezahlt selbst, lässt dann doch ihre Beteiligung an den Kosten zu. Er ist sauer wegen der Sache. Aber sie ist auch sauer auf ihn, denn er hat sie zu der Fahrt gedrängt. Eigentlich wollte sie doch gar nicht. 

"Für mich ist das Auto ein übles Monster!"

Nach einem Jahr hat sie ein wenig Abstand von der schlimmen Geschichte gewonnen. Von ihrem Freund hat sie sich getrennt. Sie zweifelt immer noch an sich, merkt, dass sie nicht mehr fahren möchte. Sie meidet das Autofahren. Das nächste Mal gibt es womöglich einen schlimmeren Unfall. Nicht auszudenken, wenn die Böschung tiefer gewesen wäre oder wenn dort Bäume gestanden hätten. Julia hat Angst vor dem Auto. Es kommt ihr vor wie ein übles Monster. Und sie ist unfähig, es zu beherrschen. Schließlich lässt sie das Fahren ganz bleiben.

In der Runde der Angsthäsinnen diskutieren wir über die Geschichte: Alle äußern Mitleid und Verständnis gegenüber Julia. Was hätte man besser machen können? Sie hätte das neue Auto irgendwo auf einem ruhigen Parkplatz ausprobieren müssen. So war ja auch ihr Gefühl. Leider hat sie sich nicht gegen den Freund durchgesetzt. Dann war noch die ungeklärte Sache mit dem Schalten. Was ist denn wichtiger vor einer gefährlichen Situation - Bremsen oder Schalten? Darüber geraten die anwesenden Angsthäsinnen in einen Disput. 

Schließlich fragen Sie mich. Ich antworte, sie sollten mal ihr Gefühl entscheiden lassen. Und da stellt sich in der Runde doch das Richtige heraus: Bremsen ist besser, denn anschließend kann gar nichts mehr passieren. Aber das Schalten solle sie ruhig noch einmal üben.

Auf das Dritte kommen sie (noch) nicht: Julia hat nicht nur ein Schalt- und Bremsproblem, ein Problem der richtigen Abläufe. Sie leidet darüber hinaus an Autoangst. 
  1. Schaltproblem:
    Julia hat auf den ersten Blick ein Schaltproblem. In ihrer Panik bekommt sie die Gänge nicht herein, im Getriebe knirscht und kracht es. Julia nennt das ihren Schaltkomplex. In Wirklichkeit steckt dahinter die Angst vor der Kurve und ihre Unfähigkeit, diese zu beherrschen. Im Stress werden ihre normalen, lockeren Bewegungen blockiert. Wir gehen aber nicht nur auf die dahinter stehende Angst und Unfähigkeit ein. Nein, wir können ruhig auch an Julias sogenanntem Schaltkomplex anknüpfen. Denn auch der erzeugt wiederum Angst. Also sollte Julia lernen, ruhig, entspannt und sicher zu schalten. Auch damit lässt sich das Angstzentrum schon ein bisschen beruhigen. 

  2. Schaltproblem und Bremsproblem:
    Hinter dem Schaltproblem versteckt sich ein Bremsproblem und ein Problem der richtigen Abläufe vor einer Kurve. Wenn Julia gelernt hat, vor einer einer gefährlichen Situation erstmal rechtzeitig und entschlossen zu bremsen, fährt sie langsam und ungefährlich. Anschließend hat sie noch genug Zeit, um in Ruhe und gekonnt herunter zu schalten. 

  3. Angst vor dem Auto:
    Durch ihr Gefühl, unfähig zu sein im Umgang mit dem Auto, und dem schweren Unfall, ist bei Julia das Gefühl der Angst vor dem Auto entstanden. Sie hat das Auto nicht mehr unter Kontrolle und fürchtet noch schlimmere Unfälle. Das Gefühl bezieht sich nicht nur auf einzelne Bedienvorgänge - Bremsen oder Schalten -, sondern auf das Auto und seine Bedienung insgesamt. Daher ist es auch nicht getan mit einer neuen Einübung der Bedienungsvorgänge vor der Kurve. Julia ist generell misstrauisch gegenüber dem Auto, alles muss auf den Prüfstand. Wir fangen sozusagen noch einmal von vorne an. Dabei stehen im Vordergrund Übungen, das Auto durch langsame und langsamste Fahrt wieder zu kontrollieren.  

Hilfloser Dompteur, gefährlicher Tiger: Was ist Autoangst?

An der Geschichte können wir nachvollziehen, wie Autoangst entstehen kann und was sie ausmacht:

Wenn das Auto macht, was es will

  • Übersensibel:
    Die Betroffenen sind manchmal übersensibel gegenüber den Gefahren, die vom Auto ausgehen können. Bei Julia war das Familienklima so autofeindlich, dass sie sich diesem Denken nicht entziehen konnte. Alle zusammen haben sie Angst vor dem Auto und dem Autofahren.

  • Schlechte Fahrschulausbildung:
    In der Fahrschulausbildung werden sie nicht wie erforderlich geduldig und freundlich an den Umgang mit dem Auto heran geführt. Es wird auch keine Rücksicht auf schon vorhandene Ängste genommen. Viele technische Zusammenhänge oder Abläufe in der Bedienung des Autos bleiben ihnen ein Rätsel. Da in der Prüfung nicht alles geprüft werden kann, schlüpfen sie mit ein bisschen „Glück“ durch und erhalten den Führerschein. Mit dem Führerschein können sie wenig anfangen, die Angst vor dem Autofahren ist eher noch größer. 

  • Partner drängeln:
    Leider spielen die Partner allzuoft eine unrühmliche Rolle. Sie verstehen die Lage dieser Ängstlichen nicht, wollen sie sozusagen zu ihrem Glück zwingen und drängeln gewaltig, sich ans Steuer zu setzen. Und dies in Situationen, die eindeutig zu einer Überforderung führen. Bei Julia war es das neue Auto und das ungeklärte Problem der Abläufe vor einer Kurve. 
  • Unfall und Folgeangst:
    Aufgrund ihrer mangelnden Fähigkeiten im Umgang mit dem Auto und der mangelnden, richtigen Routine, kann es in einer belastenden Situation zu Fehlverhalten und einem Unfall kommen. Dadurch wird die Angst vor dem Auto groß, das Autofahren wird gemieden.

  • Keine Kontrolle, Auto = Monster:
    Die Angst äußert sich im Gefühl mangelnder Kontrollmöglichkeit: Es geht nicht nur um das Schalten und das Verhalten vor der Kurve. Das Auto wird insgesamt unkontrollierbar erlebt und gefürchtet. Es macht im Grunde was es will – lauter gefährliche Dinge: Es macht Bocksprünge, der Motor würgt ab oder fährt unversehens mit dem Auto los, Bremse und Gas lassen sich leicht verwechseln, es fährt zu schnell, Gänge schalten sich nicht richtig, beim Lenken kommt es zum Schleudern, womöglich überschlägt sich das Auto. Das Auto wird als gefährliche, unberechenbare Maschine gesehen, schwer, mit einem starken Motor und hohem Tempo, schlecht kontrollierbar. Das Auto kann die schlimmsten Unfälle provozieren. Und man selbst ist nicht in der Lage, unfähig, die gefährliche Maschine zu bändigen. Das Gefühl ist: Ich bin ein Anfänger-Dompteur, der einen wilden Tiger bändigen soll. 

  • Fahrvermeidung:
    Aufgrund der schlechten Erfahrungen trauen sich die Betroffenen das Autofahren nicht mehr zu. Sie vermeiden das Fahren zunehmend. Sie trauen aber auch ihrem sozialen Umfeld nicht, denn diese haben ja mit zu dem Unfall beigetragen (Fahrlehrer, Freund). 
  • Angst verfestigt sich:
    Die Angst verselbständigt sich im Laufe der Zeit und wird stärker. Alle Gedanken an das Auto münden in die Furcht vor einem schweren Unfall. Die Angst hat mit den Gefahren des Autos nicht mehr viel zu tun. In diesem Stadium vermeiden die Betroffenen in ihrer Angst das Autofahren vollständig.

Unzureichende Hilfen

Automatik-Auto fahren? Hilft leider nicht gegen die Angst

Bekannte haben Julia geraten, sie solle es doch mal mit einem Automatik-Auto versuchen. Das hat sie probiert. Doch ihre Grundangst ist geblieben. Da ist das Gefühl, man wolle sie mit der Empfehlung zum „Deppen“ stempeln: Sie könne nicht mal mit einem Schaltwagen umgehen. Außerdem bleibt die Angst, dass auch beim Automatikauto etwas schief gehen könnte.

Viele raten bei Problemen mit der Autobedienung zum Automatik-Auto. Das ist kein Allheitmittel. Die Betroffenen fühlen sich oft in ihrem Selbstwertgefühl verletzt und haben weiter Angst. Und warum sollte jemand, der auf dem Schaltwagen gelernt hat, nicht weiter Schaltwagen fahren?

Mit dem Freund üben?

Dann übt sie mit dem inzwischen neuen Freund auf dessen Drängen auf einem leeren Parkplatz. Leer nicht ganz, ein paar Autos stehen dort herum. Sie fahren langsam, im ersten Gang und Rückwärtsgang, üben ein bisschen Einparken. Doch unversehens überkommt sie Panik, sie gibt Gas. Sie fahren mit Vollgas auf eines der geparkten Autos zu. Auch der neue Freund schreit vor Angst. Er reißt die Handbremse hoch, das hilft nur ein bisschen, dann findet er den Zündschlüssel und dreht den Motor aus. Knapp vor dem anderen Auto.

Sie einigen sich: So geht es nicht. Julia fühlt sich zu unsicher mit dem Freund. Die Angst vor dem Auto ist jetzt eher noch größer.

Bei Fahrängsten mit dem Freund/ Partner... zu üben kann zu gefährlichen Situationen führen. Ein Freund/ Partner kann das Auto im Notfall nicht zum Halten bringen. Die Autoangst bleibt. 

Auffrischung bei einer Fahrschule: Angstbewältigung geht leider nur unvollkommen

Sie geht zu einer Fahrschule, versucht es dort mit Auffrischung. Das ist nicht schlecht. Bei den Übungsfahrten beruhigt sich Julia wieder ein bisschen. Der Fahrlehrer ist freundlich, erklärt ihr, dass sie vor Kurven zuerst bremsen, dann auskuppeln und herunter schalten muss. Das üben sie, zusätzlich noch ein bisschen Autobahn. Und immer wieder den Ablauf bremsen und dann schalten. Dann verabschiedet er sie, mehr könne er nicht für sie tun. Schließlich habe sie den Führerschein.

Der Fahrlehrer verhält sich wie ein normaler Fahrlehrer. Er  bringt Julia den Stoff bei wie einer Fahrschülerin. Und dagegen ist ja nichts einzuwenden. Nur von Ängsten am Steuer und ihrer Bewältigung versteht er halt nicht viel. 

Julia leidet jedoch noch immer unter ihrer Angst vor dem Auto. Eine Sache macht sie jetzt vielleicht richtig: Aber was ist bei ganz anderem Fehlverhalten? Ergebnis: Trotz der Auffrischung fährt sie immer noch nicht. Sie ist jetzt noch unsicherer. Denn wieder hat sie selbst, aber auch ihr soziales Umfeld (Freund, Fahrlehrer) versagt. 

Unfallanalyse: Den Unfall im Ablauf besprechen, überlegen, was Julia hätte besser machen können 

Ich habe Julia zu einer Besprechung über ihre Autoangst in die Fahrschule eingeladen. Wir fahren nicht gleich los zur ersten Stunde, sondern sprechen zuvor in einer besonderen, einführenden Stunde über den Unfall, und darüber, wie es bei ihrer Betreuung weiter gehen soll. 

Wir rekonstruieren den Unfall eine Etappe nach der anderen am Smartboard: Die Vorgeschichte, das Unfallgeschehen, und was nachher geschah. Am Smartboard schiebe ich das Auto Stück für Stück auf die Linkskurve zu und schreibe rechts - in Rot - an, was geschehen ist und wie es zu dem Unfall kam.

Wir rekonstruieren aber nicht nur das Unfallgeschehen und die Vor- und Nachgeschichte. Wir erarbeiten zusätzlich gemeinsam, was Julia hätte richtigerweise tun können, um den Unfall zu vermeiden. Je weiter wir in der Zeitachse nach vorne gehen - vor Entstehung des Unfalls - umso leichter wird die Hilfe. Am Schluss, kurz vor der gefährlichen Linkskurve, spitzt sich die Lage zu. Dann helfen nur noch harte, fahrtechnische Maßnahmen. Aber immerhin, im beinahe ganzen Ablauf ist mit vernünftigen Überlegungen und richtigem Handeln noch eine Wende herbei zu führen.

Unfallopfer überlegen nicht nur in quälenden Gedankenkreisen, wie es geschah, sondern vor allem, wie sie den Unfall hätten verhindern können, was sie falsch gemacht haben. Erstaunlicherweise finden sie mit ihren Überlegungen und Sorgen bei ihrer Umgebung kaum Gehör. Dabei wäre es so wichtig für sie, sich darüber auszusprechen. Auch Julia hat bis jetzt niemanden gefunden, dem sie ihre peinvollen Gedanken hätte ausführlich schildern können. Doch hier kann sie es, und das tut ihr gut. Die Vernunft findet endlich einen Grund, den endlosen Gedankenkreisen Einhalt zu gebieten. Wir überlegen gemeinsam, was sie in jeder Etappe des Geschehens vor und während der verhängnisvollen Kurvenfahrt hätte besser machen können, um den Unfall zu vermeiden.  

In der gemeinsamen Unfallanalyse überlegen wir, was in der Situation schief gelaufen ist, aber auch, was sie vernünftigerweise hätte richtig machen können. Diese Überlegungen tun Julia gut und entkräftigen die ewig kreisenden Gedanken um den Unfall. 

Von der gemeinsamen Unfallanalyse auf dem Smartboard erbittet sie sich ein Foto, für das Nachstudium zu Hause. Das gebe ich ihr gerne mit. 

Autoangst bewältigen (erste Betreuungstunde zu 90 Minuten): Wir fahren ins ruhige Gewerbegebiet

Verkehrsruhiges Gebiet
Verkehrsruhiges Gebiet: Hier beginnen unsere Übungen. Es ist ein Gewerbegebiet. Hier gibt es wenig Verkehr, ein paar Lkw oder Parkverkehr. Die Fahrbahn ist breit und durch Asphaltstreifen in vier Längsteile geteilt: Zwei Teile rechts und links fürs Parken, zwei in der Mitte fürs Fahren. Unser Fahrteil befindet sich in der Mitte rechts, dort, wo die grüne Motorhaube zu sehen ist. Die Längsteile sind so großzügig in der Breite geschnitten, dass es keine Angst geben muss, rechts (bei parkenden Autos) oder links (beim Gegenverkehr) zu nahe zu geraten.

Die Betroffenen haben mit ihren traumatischen Erfahrungen oft auch jedes Vertrauen in die Kontrollmöglichkeiten eines Kraftwagens verloren. Es genügt nicht, nur auf das Fehlverhalten einzugehen, das damals zum Unfall führte und das Fehlverhalten zu korrigieren. Nein, man muss wieder von vorne anfangen. Dazu gehört auch, ganz viel zu erklären, Informationen über technische Hintergründe oder Abläufe zu liefern, die Übungen stark zu verlangsamen, um Kontrolle zu gewährleisten.

Bei den ersten Fahrversuchen sollten wir bedenken: Die Betroffenen sind sehr ängstlich im Umgang mit dem Kfz und fürchten Kontrollverlust. Wir sollten daher wirklich bei langsamsten Vorgängen bleiben und von vornherein Kontrolle vermitteln. Wir üben das Richtige, respektieren aber die Angst vor dem Auto. 

Wenn wir so langsam und sehr ruhig üben, sinkt nicht nur die Angst wegen möglichem Kontrollverlust. Überdies begreift das Gehirn die Abläufe besser durch die ruhige Vorgehensweise: Informationen können gelassen bewertet werden, wir konzentrieren uns auf das Wesentliche.

Wir fahren in ein sehr, sehr verkehrsruhiges Gebiet. Da die meisten Autoängstlichen schon lange nicht  mehr gefahren sind, fahre ich als Fahrlehrer selbst dahin. Erst dort wird gewechselt. Schon darüber sind die Ängstlichen sehr erleichtert. 

"Wie geht es Ihnen?" - Fragen nach der Nervosität. Die Bedeutung des lauten Sprechens

Nach fünf Jahren Fahrvermeidung wegen ihrer Autoangst probiert es Julia heute zum ersten Mal wieder. Es ist anzunehmen, dass sie sehr nervös ist. Ich frage sie danach. Sie soll ein wenig über sich und ihren nervlichen Zustand erzählen, wenn möglich, ihn sogar auf einer Skala von 1 - 10 benennen. Ich erkläre Julia den Sinn: Mit dem Erzählen wird die Nervosität von ihr ein wenig objektiver gesehen, außerdem ist natürlich beim Erzählen auch der Verstand präsent. Und das wollen wir, der Verstand soll mit bei der Sache sein. Wenn sie nun zu nervös wäre, müssten wir etwas unternehmen. Letztendlich wird auch der Atem beim lauten Sprechen normalisiert.

Aber richtig nervös ist sie jedoch nicht. Sie beschreibt ihren Zustand so: Nervös ja, ein bisschen zittrig, auf der Skala etwas bei 6. Aber weniger Angst. Im Gegenteil, sogar neugierig, was jetzt kommt. Ich freue mich für sie und bitte sie, ihren Zustand weiter zu beobachten. Vielleicht geht die 5 sogar runter auf 4 oder 3, wer weiß?

Und warum heute keine Angst? Eigentlich klar, weil sie einen Angsthasenfahrlehrer an der Seite hat. Der kann schützen und die richtigen Tipps geben. Die Autoangst hat so erstmal keine Chance. 

Frage: Ob sie damals, bei der Fahrt auf der Bundesstraße, auch von der Nennung ihres Zustandes profitiert hätte? Ja, unbedingt. 

Beim Ansprechen der Nervosität und der besonderen Symptome immer auf folgende Punkte achten:

  • Laut benennen: Die Nervosität laut benennen, also laut sprechen. Das beruhigt auch den Atem
  • Intensität von 1 - 10: Die Nervosität selbst ansprechen, am besten mit der Skala von 1 bis 10: Ich bin sehr nervös, bei 7!"
  • Selbstberuhigung: Sich vor weiteren Schritten immer erst beruhigen. Beispiel: "Ich bin sehr nervös. Da kommt die Kurve, das Schalten klappt nicht. Ich will ruhig bleiben, den Schalthebel lasse ich los. Auch das Gaspedal. Ich versuche mal zu atmen und nachzudenken. Was kann ich tun?"
  • Weitere Planung: Im zweiten Teil der Mitteilung die weitere Planung angeben: "Den Schalthebel lasse ich. Ich bremse mal einfach."

 

Lautes Ansprechen der Nervosität
Lautes Ansprechen der Nervosität. Wir reden distanziert und vernünftig über die Angst, dadurch übernimmt der Verstand wieder die Kontrolle. Wichtig ist, laut zu sprechen, wegen der Atemkontrolle. Im Anschluss an die Beschreibung des Zustandes erfolgt die weitere Planung ("ich brauche jetzt eine Pause!" oder, nach einem misslungenen Parkversuch, "ich fahre komplett aus der Lücke heraus" oder - vor einer Kurve - "ich lasse das Gaspedal los, versuche kurz nachzudenken".

Im obigen Beispiel mündet das Ansprechen der Nervosität in eine vernünftige Bedienhandlung (das Gaspedal loszulassen). Das Ansprechen der Nervosität kann aber auch in eine Pause münden, so wie im Bildbeispiel gezeigt. Dann ist die Lage so schlecht, dass sich weiteres Handeln im Auto verbietet. Das entspräche der Lage eines Kraftfahrers, der nach stundenlangen Urlaubsfahrt "nicht mehr kann". Das muss unbedingt angesprochen werden. Weiterfahren ist jetzt gefährlich. 

Erste Übungen: Sitzeinstellung gegen  die Autoangst. Gegen Engstellung und Tunnelblick: Sitz zurück schieben - sehr ungern

Zu Beginn erkläre ich die Einstellung des Sitzes und die Bedieneinrichtungen des Autos. Auffällig ist, dass die meisten Angsthasen den Sitz am liebsten ganz weit nach vorne schieben wollen. Sie glauben, die Bedienung des Autos schneller zu erreichen und Gefahren früher zu erkennen. Dabei verheddern sie sich bei dieser Engstellung nur. Und der Blick wird leider zum Tunnelblick. Wenn sie mit dem Sitz weiter zurück gehen würden, könnten sie lockerer sitzen und die Bedieneinrichtungen leichter handhaben. Und der Blick wäre freiher.

Letztlich müssen wir dabei einen Kompromiss schließen: Denn zu groß ist das Unwohlsein, wenn der Sitz zurück geschoben wird. 

Den Sitz nicht zu weit nach vorne, sondern eher zurück schieben. Das lässt souveräner handeln und schauen.

Alles in Ruhe ausprobieren und langsam handhaben

Anschließend erkläre ich alle Bedienungseinrichtungen, die Pedale - Gas, Bremse und Kupplung -, Instrumente, Hebel am Lenkrad, Schalter am Armaturernbrett und ein paar wichtige Kontrollleuchten. 

Wir probieren alles aus, treten die Pedale, bewegen mit dem Schalthebel.

Bei der Schalthebelführung achten wir auf exaktes Verhalten, vor allem auf ruhiges, langsames und lockeres Verhalten. Der Schalthebel im Kraftwagen muss bei Schaltvorgängen immer über den Leerlauf gehen. Dort sollte er kurz pausieren. Die kurze Pause tut auch dem aufgeregten Menschen am Steuer gut: Sie signalisiert an das Angstzentrum im Gehirn: Alles in Ordnung, friedlich, Pause. Damals, bei ihrer Fahrt auf der Bundesstraße, kurz vor der Linkskurve, war Antje in Panik. Daher die heftigen, ruckartigen Bewegungen am Schalthebel. 

Alle Bewegungen mit den Bedieneinrichtungen ruhig, locker und mit Pause ablaufen lassen. Das signalisiert dem Angstzentrum Entspannung.

Pedale im Fußraum des Fahrers (hier Fahrschulwagen)
Pedale im Fußraum des Fahrers (hier Fahrschulwagen)
Wozu brauchen wir die Kupplung?? Technische Zusammenhänge akzeptieren

Sofort kommen Nachfragen, denn die Kupplung ist unter den drei Pedalen bei den meisten Anfängern unverstanden. Wozu braucht man eine Kupplung?? Ein Mensch braucht beim Gehen keine, auch ein Radfahrer nicht. Julia ist Radfahrerin. Gas und Bremse werden sofort verstanden, die Kupplung leuchtet dagegen nicht ein. Und was nicht mit dem Verstand begriffen wird, wirkt gefährlich.

  1. Wir brauchen die Kupplung beim Schalten: Das leuchtet Julia doch ein, denn sie ist Radfahrerin, sie weiß, dass sie beim Schalten die Kette entlasten muss. Nichts anderes macht im Auto im Prinzip auch die Kupplung: Sie entlastet die Getrieberäder, so dass sie leicht zu schalten sind. 

  2. Wir brauchen die Kupplung beim Anhalten: Wenn die Kupplung losgelassen ist, dann stellt sie eine feste Verbindung zwischen dem Motor, dem Getriebe und den Rädern dar (Kraftschluss). Am Schluss, im unteren Drehzahlbereich von 1.000 Umdrehungen und weniger, müssen wir die Kupplung treten, um den weiter laufenden Motor von den Rädern zu trennen. Sonst würde der Motor bei weiterem Bremsen mit einem Ruck stehen bleiben, d.h. abwürgen. Im Vergleich mit dem Fahrrad hat Julia eine ähnliche, sehr sinnvolle Einrichtung wie die Kupplung, den Freilauf. Sobald Julia aufhört zu treten und bremst, laufen die Räder von alleine weiter, sie fährt dann sozusagen ausgekuppelt.  

  3. Wir brauchen die Kupplung beim Anfahren aus dem Stand und zum langsamen Fahren: Hier haben die meisten Menschen ein Verständnisproblem, denn weder Radfahrer noch Fußgänger brauchen eine "Kupplung", wenn sie sich aus dem Stand weg bewegen wollen. Zur Erklärung muss ich ein bisschen ausholen:

Ich beginne mit dem Verbrennungsmotor. Der Verbrennungsmotor läuft schon nach dem Anlassen im Leerlauf relativ schnell, zwischen 700 und 800 Umdrehungen. Darunter tut er's nicht, sonst würde schlagartig die so wichtige Verbrennung des Kraftstoffs erlöschen.Ein Elektromotor oder der Mensch auf dem Fahrrad verhalten sich völlig anders, sozusagen einleuchtender. Sie können sich aus dem Stillstand mit Kraft losbewegen.

Aber der Verbrennungsmotor ist halt kompliziert. Er muss laufen, um zu funktionieren. Damit haben wir allerdings ein Problem: Hier der relativ schnell laufende Motor, dort die noch still stehenden Räder. Würden wir die auf einen Schlag zusammen bringen, gäbe es kein sanftes Anfahren, sondern höchstens einen kleinen, heftigen Satz des Wagens nach vorne, verbunden mit einem hässlichen, ruckhaften Ausgehen des Motors. Die Fahrschüler kennen dies, das berüchtigte "Abwürgen".

Um den drehenden Motor und die stillstehenden Räder sanft zusammen zu bringen, brauchen wir die Kupplung. Wir müssen die drehende Kraft des Motors langsam, allmählich an die stehenden Räder bringen, damit der Wagen sich in Bewegung setzt. Das macht die Kupplung durch Reibkraft, indem wir das Kupplungspedal etwa so halb loslassen. Dabei stoßen wir auf den Schleifpunkt, in dem die Kupplung als Reibscheibe auf das sich schnell drehenden Schwungrad des Motors gepresst wird und so dessen Umdrehungen langsam, allmählich, sanft aufnimmt und über das Getriebe an die Räder weiter leitet. 

Das klingt nun sehr technisch. Aber wir müssen uns dennoch auf die technischen Zusammenhänge einlassen. So, wie wir eine Haushaltsmaschine durch Lesen der Gebrauchsanweisung kennen lernen, so müssen wir auch das Auto und den Motor wenigstens in den Grundzügen verstehen.

Wir verstehen und akzeptieren das Auto, den Motor und die Kraftübertragung an die Räder, so wie sie aufgebaut sind und funktionieren. Nur mit genügend Verständnis der Zusammenhänge können wir sie routiniert bedienen. Unser Ziel ist, das Auto in Ruhe und gern zu bedienen.

Die Kupplung ist ein Sicherheitsinstrument, damit kann ich langsam fahren und anhalten

Besser wird es, wenn ich in diesem Zusammenhang erkläre, dass die Kupplung ein Sicherheitsinstrument ist. Denn wenn ich die Kupplung nicht länger in den Schleifpunkt kommen lasse, sondern das Kupplungspedal wieder drücke, dann kann der Motor mit seiner Kraft nicht mehr an die Räder, das Auto wird langsamer und steht! Und das interessiert alle Autoangsthasen sehr. Wir stoßen hier auf eine wichtige Funktion der Kupplung - den Nothalt. 

Der Motor läuft. Das Spiel mit Gas und Drehzahlmesser, begleitet von einiger Nervosität

Bevor wir mit der Kupplung weiter machen, ein wichtiger Einschub: Wir wollen den drehenden Motor beobachten. Das ist der erste Prüfpunkt für die Angst: Wird es gehen? Ich frage Julia nach ihrem Zustand, sie ist immer noch auf 5. Das ist hinnehhmbar. Ich erkläre ihr etliche Sicherheitsmaßnahmen vor dem Einschalten des Motors. Sie stellt fest, dass die Handbremse gezogen ist, schaltet den Leerlauf ein, drückt die Kupplung. Dann betätigt sie über den Zündschlüssel den Anlasser, der Motor springt an, dreht hoch, wie vorher besprochen, auf 750 Umdrehungen in der Minute. Nun darf sie die Kupplung wieder loslassen, das gelingt mit einiger Aufregung. 

Instrumentenanzeige auf der Armaturentafel
Instrumentenanzeige auf der Armaturentafel

Ich bitte sie, den Drehzahlmesser zu beobachten. Sie kann an ihm sehen, wie schnell der Motor läuft. Und damit auch, umgekehrt, Kontrolle über den Motor ausüben. Sie gibt auf meine Bitte hin vorsichtig Gas. Ihr fällt das schwer, den es kommt schon ein wenig Angst auf. Der Motor wird ein bisschen lauter, die Nadel des Drehzahlmessers bewegt sich. Sie soll anschließend drei bestimmte Drehzahlen des Motors einstellen: 

  1. Die Anfahrdrehzahl von 1.500
  2. Die Schaltdrehzahl für das Höherschalten von 2.000 
  3. Die Drehzahl für das Herunterschalten oder Treten der Kupplung von 1.000

Und meine Erklärung:

Die Anfahrdrehzahl brauchen wir immer beim Anfahren und beim langsamen Fahren. Sie macht den Motor ein bisschen stärker, so dass er nicht ausgeht. Das Tempo wird in diesem Modus von der Kupplung bestimmt.

Die Schaltdrehzahl für das Höherschalten besagt, dass wir bis zu dieser noch einigermaßen leise und verbrauchsgünstig fahren. Darüber wird es ungünstig. Manchmal, beispielsweise beim Fahren auf die Autobahn oder beim Überholen, brauchen wir allerdings höhere Drehzahlen.

Wenn wir kein Gas mehr geben, wird der Motor immer langsamer. Er fällt ab bis zur Leerlaufdrehzahl. Die Drehzahl für das Herunterschalten mahnt uns, bald die Kupplung zu drücken und eventuell einen niedrigeren Gang zu wählen. Unter 1.000 Umdrehungen dreht der Motor immer langsamer. Es besteht die Gefahr, dass er plötzlich ausgeht (abwürgt). 

Julia darf jetzt auf eigenen Wunsch Gas geben, wie sie möchte. Ihre größte Erkenntnis: Der Motor rauscht zwar zwischendurch hörbar, aber es passiert nichts. Denn wir haben den Leerlauf eingelegt. Julia ist jetzt spürbar entspannter. 

Die Maschine kennen lernen und überwachen (hier: durch den Drehzahlmesser). Das gibt Kontrolle zurück. Wir lassen den Motor drehen, wie wir wollen, beherrschen die Maschine.

Julias  Schaltkomplex: Furcht vor Abwürgen. 

Beim Gespräch und beim Ausprobieren der Motordrehzahlen wird klar, dass Julia an einer Art Schaltkomplex gelitten hat. Ihr erster Fahrlehrer hatte Angst vor dem Abwürgen, sie hatte die Angst aufgenommen. Die Motordrehzahl musste durch häufiges Schalten immer hochgehalten werden, denn sonst bestand Gefahr des Abwürgens. Hinter dem Schaltkomplex steckte also die Furcht vor dem Abwürgen des Motors. Und diese Furcht wurde höher bewertet, vom ersten Fahrlehrer, als das notwendige Bremsen! Der nächste Fahrlehrer hatte ihr zwar den Ablauf erklärt, ihr aber dennoch nicht die Angst vor dem Abwürgen genommen. 

Ich erkläre ihr vorläufig dazu folgendes: Sie darf bremsen, bis herab zu 1.000 Umdrehungen, oder sogar ein bisschen weniger, ohne zu kuppeln und zu schalten. Der Motor wird solange nicht abwürgen. Später werden wir noch Abwürgeübungen machen, um ihre Angst vor dem Abwürgen zu mildern. 

Viele Angsthäsinnen haben beinahe panische Angst zu bremsen, weil das eventuell zum Abwürgen des Motors führen kann. 

Wo ist der Schleifpunkt der Kupplung? Die Fahrerin bestimmt, wann wir uns in Bewegung setzen

Nach dem Spiel mit den Drehzahlen des Motors beschäftigen wir uns mit der Kupplung. Wir prüfen, ob und wie sich der Schleifpunkt überhaupt finden lässt. Julia drückt die Kupplung, legt den ersten Gang ein, gibt ein bisschen Gas. Nun geht sie mit dem gedrückten Kupplungspedal wieder ein bisschen zurück, noch mal, noch mal - und plötzlich hat sich etwas verändert: Das Motorengeräusch ist anders, etwas dumpfer, auch die Motordrehzahl hat sich  verringert, der Wagen zittert ein bisschen, man spürt vom Körpergefühl her, dass der Wagen losfahren möchte.

Und damit haben wir den Schleifpunkt erreicht: Die Reibkupplung hat das Schwungrad des Motors erreicht, möchte dessen Drehkraft  an die Räder weiter geben, so dass der Wagen anfährt. Doch genau das geht im Augenblick nicht, denn Julia hat wohlweislich die Handbremse gezogen. Wir probieren nun nichts anderes, als immer wieder die Kupplung zu treten und sie in den Schleifpunkt hinein kommen zu lassen. Denn es soll sich bei ihr ein Muskelgedächtnis für diese wichtige Position heraus bilden. 

Und nun können wir einen Schritt weiter gehen. Julia lernt die Funktion der Kupplung kennen, das Auto in seinem Losfahren zu bremsen. Die Kupplung ist nicht nur Instrument zum Anfahren, sondern auch zum Bremsen, eine Art Nothalt. Wir sprechen von Kupplungsgas und Kupplungsbremse. 

Lassen Sie sich auf neue technische Erklärungen und Begriffe ein: Kupplungsgas und Kupplungsbremse

Nothalt mit der Kupplung: Die Kupplungsbremse 

Wer mit einer gefährlichen Maschine umgehen will, möchte zu Anfang sicher auch wissen, wie er die Maschine außer Gefecht setzen kann. Es darf nichts passieren.

Das Auto ist eine gefährliche Maschine? Das Auto bockt, haut ab, macht, was will? Für diese Situationen üben wir einen „Nothalt“: Das ist zu Anfang am besten die Kupplung. Wir lassen den Motor laufen, legen bei getretener Kupplung den ersten Gang ein, geben ein bisschen Gas, lassen die Kupplung in den Schleifpunkt kommen. Die Handbremse ist gelöst. Nun will das Auto anfahren. Wir lassen aber nach 20, 30 cm Fahrt sofort die Kupplung treten. Ergebnis: Das Auto rollt wieder aus und steht. Ergebnis: Kontrolle wieder erlangt. Und ein beruhigtes Gesicht am Steuer. 

Nothalt: Eine gefährliche Maschine muss man schnell zur Ruhe bringen können. Wir können durch Treten der Kupplung den Kraftfluss des Motors bis an die Räder unterbrechen. Das gibt ein gutes Gefühl der Kontrolle, denn so wird der Wagen wieder ausrollen und anhalten

Langsames Fahren (1): Schubweise langsam Fahren. Starke Kontrolle der Bewegung

Langsames Fahren mit etwas Gas und schleifender Kupplung

Langsames Fahren mit etwas Gas und schleifender Kupplung

Wenn wir das immer wieder machen - Anfahren mit Kupplungsgas, Ausrollen und Anhalten mit Kupplungsbremse -, dann haben wir die erste und wichtigste Stufe des langsamen Fahrens erreicht, das schubweise, langsame Fahren. Es entsteht ganz von allein aus den Übungen im Nothalt. 

Für alle Menschen mit Auto-, wie auch mit Fahrangst, ist das langsame Fahren wesentlich:

  • Viele Situationen im Straßenverkehr erfordern langsames Fahren (Hineintasten in Kreuzungen mit Wartepflicht, enge Straßen mit Gegenverkehr, Stau, Parken in engen Parklücken)
  • Das langsame Fahren - im Gegensatz zum schnellen - vermittelt gerade am Anfang die beste Kontrolle über das Auto.

Alle möglichen Varianten des langsamen Fahrens stehen zu Anfang für Autoängstler auf dem Plan, um schrittweise wieder die Kontrolle zu erlangen. Das schubweise langsame Fahren stellt zu Anfang den besten Kompromiss dar zwischen dem schnelleren Rollenlassen des Wagens im ersten oder zweiten Gang und dem sehr langsamen Kriechen oder Tasten. 

Wesentlich beim schubweise langsamen Fahren ist der Umgang mit der Kupplung: Nicht das vorsichtige Vorgas, sondern die Stellung der Kupplung bestimmt das Tempo: Kupplungsgas = Kommenlassen der Kupplung im Schleifpunkt, Kupplungsbremse = geringes Zurücktreten der Kupplung. Das Gas dient nur dazu, dass der Motor etwas kräftiger dreht und nicht womöglich plötzlich ausgeht. 

Das langsame Fahren brauchen wir in extremen Situationen. Wir üben dabei starke Kontrolle aus. Beim langsamen Fahren mit halb getretener Kupplung bestimmt allein die Kupplung das Tempo - mit Kupplungsgas und Kupplungbremse. Keine Angst vor dem Gas! Es ist nötig, damit der Motor kräftig zieht, es wird das Auto in diesem Fahrmodus nicht beschleunigen. 

Ausfahren aus der Parklücke. Progressive Muskelentspannung
Progressive Muskelentspannung, festhalten des Lenkrades
Progressive Muskelentspannung, festhalten des Lenkrades

Durch das langsame, schubweise Fahren können wir in Ruhe aus der Parklücke ausfahren. Ich habe sowieso schon eine sehr lange Lücke gewählt. Doch Julia hat Angst vor dem Ausfahren. Denn nun kommt als zusätzliche Schwierigkeit das Lenken dazu. Und, da die Fahrbahn zum Bordstein hin etwas geneigt ist, kann es doch passieren, dass wir wieder zurück rollen? Inzwischen könnte auf der Fahrbahn wieder ein Auto oder Lkw auftauchen?? 

Wir besprechen all diese Probleme: Julia darf zwischendurch anhalten, wenn sie Probleme mit dem Lenken bekommt. Sollte das Auto zurückrollen, dann zieht sie erstmal die Handbremse. Beim Wiederanfahren würde ich ihr helfen, denn das haben wir noch nicht geübt. Und wenn zusätzlich ein Auto oder Lkw auftaucht, dann sehen wir das durch Spiegel- oder direkte Beobachtung. Auch wenn wir schon ein bisschen auf der Fahrbahn sind, dann ist das nicht schlimm. Wir halten an, der andere Fahrer fährt einfach um uns herum. 

Sie klagt wegen verkrampfter Muskeln, besonders in den Armen und Händen. Dagegen üben wir mit der progressiven Muskelentspannung. Sie hält das Lenkrad fest, spannt die Hand- und Armmuskeln kräftig an, zählt auf 5 Sekunden. Dann atmet sie aus und lässt die Muskeln wieder locker. Das hilft. Außerdem bitte ich sie, ihre nachfolgenden Abläufe bei Ausfahren laut zu kommentieren. 

Dann geht es los. Sie fährt ein bisschen vor, lenkt praktisch gar nicht, bleibt stehen. Was nun? Sie schlägt vor, das Lenkrad im Stand zu drehen. Ich stimme zu, erkläre ihr, dass wir jetzt in einer schwierigen Situation sind. Später wird sie  lernen, das Lenkrad wegen der Fahrt zu drehen. Sie dreht im Stand, fährt weiter. Ich bitte sie, zu beobachten, alles frei. Dann ziehen wir langsam voran, weit links auf die Fahrbahn, schließlich wieder zurück nach rechts. Uff, geschafft! Ich bitte sie anzuhalten, wegen der langsamen Fahrt zu zu kuppeln, dann zu bremsen. Es klappt. Da folgt natürlich ein dickes Lob!

Anfahren und Anhalten: Zweimal Kontrolle ausüben

Wir stehen nun auf der Fahrbahn. Julia hat die Aufgabe, schlicht und einfach anzufahren. Aber, damit auch hier Kontrolle besteht, anschließend anzuhalten. 

Mit dem schubweisen, langsamen Fahren kommen wir ganz natürlich zum Anfahren: Wir geben leicht Gas (etwa 1.500 Umdrehungen in der Minute auf dem Drehzahlmesser), bringen die Kupplung anschließend in den Schleifpunkt, dann wird das Auto losrollen. Wenn wir jetzt die Losfahrt nicht unterbrechen, sondern die Kupplung im Schleifpunkt festhalten, ist nach ca. 3 Sekunden oder einer Strecke von 10 m der Punkt erreicht, wo wir die schleifende Kupplung nicht mehr brauchen. Wir können das Kupplungspedal sanft loslassen. Dann fährt die Kupplung im sogenannten Kraftschluss, fest mit dem Motor verbunden. Ab jetzt bestimmt das Gaspedal das Tempo, im Verein mit der Gangwahl. 

Mindestens 3 Sekunden Anfahrtzeit oder eine Strecke von 10 m sind wichtig, sonst droht Gefahr des Abwürgens. Um das richtige Verhalten zu erreichen, empfehle ich dringend, zu Anfang die Sekunden beim Anfahren laut zu zählen: "Einundzwanzig, zweiundzwanzig...". Das laute Sprechen hält den Verstand präsent, der sich im Stress leicht verabschieden will. Außerdem prägt sich der Vorgang dadurch besser ein. 

Für alle Bewegungen der Bedienung viel Zeit nehmen. Das erleichtert die Bedienung und beruhigt. Beim Anfahren die Kupplung ruhig und mindestens drei Sekunden im Schleifpunkt halten. Anschließend das Kupplungspedal sanft loslassen. Lautes Sprechen bei vielen Abläufen hilft gegen den Stress. 

Nach dem Anfahren soll Julia wieder anhalten. Dazu schaut sie zuerst in den Innenspiegel, blinkt rechts, tritt zuerst die Kupplung, dann sanft die Bremse. Die Abläufe beim langsamen Fahren sind in einem Punkt anders als bei schneller Fahrt: 

Bei langsamer Fahrt, im ersten Gang, tritt sie zuerst die Kupplung, dann die Bremse. Sonst würde womöglich doch der Motor ausgehen (abwürgen). Bei schneller Fahrt (zweiter Gang und höher) tritt sie zuerst die Bremse, dann die Kupplung. Grund? Wir wollen durch das Aufleuchten des Bremslichtes andere Verkehrsteilnehmer warnen. Außerdem wird der Bremsweg günstiger, wenn wir früh bremsen. Abwürgegefahr besteht nicht, wenn wir mit der Drehzahl über 1.000 Umdrehungen bleiben. 

Als wir stehen, frage ich sie nach ihrer Nervosität. Sie steht im Augenblick nicht mehr auf 6, sondern nur noch auf 4. Ich bitte sie, diesen Erfolg im Gehirn zu speichern. 

Durch aktives Üben in der Angstsituation und gleichzeitige Entspannung können wir die Nervosität senken. 

Rollen lassen im ersten und im zweiten Gang: Ruhe und Verkehrsbeobachtung. Dennoch Bremsbereitschaft zur Kontrolle

Julia ist inzwischen angefahren, hat vorher natürlich geschaut und geblinkt. Nun fahren wir im ersten Gang mit etwas Gas ruhig vor uns hin. Ich bitte sie, das Gas los zu lassen, nicht zu kuppeln und einfach zu beobachten, was passiert. Sie erschrickt: Wird jetzt nicht der Motor abwürgen?? 

Ich bitte sie, das einfach auszuprobieren. Der Wagen fährt in geringem Tempo weiter, der Motor läuft in Leerlaufdrehzahl, würgt nicht ab. Sie staunt. Das funktioniert auch, als Antje ein wenig Gas gibt, in den zweiten Gang schaltet, wieder das Gaspedal loslässt. Allerdings ist das Tempo dieses Mal höher. Ich bitte sie, den Fuß auch einmal über das Bremspedal zu setzen. Auch das klappt, nichts passiert. Ich lasse sie anhalten, wir sprechen über die Sache.

Der Motor hat in der Leerlaufdrehzahl doch so viel Kraft, dass er das Auto, einmal durch das Anfahren in Schwung gekommen, weiter ziehen kann. Wir nennen diesen Zustand "rollen lassen", im ersten oder im zweiten Gang. Das Auto rollen zu lassen, sorgt in vielen Situationen für Ruhe. Man kann um die Kurve lenken. Und sich gleichzeitig auf den Verkehr konzentrieren, beispielsweise auf Fußgänger beim Abbiegen. Andererseits ist man ein bisschen dem Motor und seiner Drehzahl ausgeliefert. Der Motor bestimmt das Tempo! Deshalb empfiehlt es sich, wenn man das Auto rollen lässt, gleichzeitig bremsbereit zu fahren. Dies gilt vor allem für rollen lassen im zweiten Gang. 

Wenn wir das Auto rollen lassen, geben wir ein bisschen der Tempokontrolle an den Motor ab. Daher empfiehlt es sich, bremsbereit zu fahren.

T-förmige Einmündung mit Vorfahrt von rechts. Auch von links können Fahrzeuge kommen. Wir fahren übervorsichtig (Angsthasenfahrstil)

Unsere Straße endet an einer Einmündung. Hier wollen wir nach rechts abbiegen. Zur Sicherheit lasse ich Julia vorher anhalten. Wir besprechen die Vorfahrtlage. Sie weiß sofort, dass die von rechts Kommenden Vorfahrt haben. 

Einmündung, Vorfahrt von rechts. Was tun?
Einmündung, Vorfahrt von rechts. Was tun?

Als wir uns dann der Einmündung nähern, bietet sich folgendes Bild, wie auf der Zeichnung (Julia im Pkw Blau):

Die von rechts Kommenden haben Vorfahrt. Allerdings ist die Fahrbahn sehr breit, so dass wir, sogar als Lkw Braun von rechts kommt, gut an ihm vorbei passen würden. Und was ist mit den anderen, die von links kommen? Das ist Pkw Grün. Er fährt zunächst schnell, bremst relativ spät ab. Aber er bremst. Er beachtet also seine Wartepflicht. 

Für einen geübten Fahrer wäre die Sache einfach: Einbiegen, da Platz genug seitlich von Lkw Braun, losfahren, wenn ursprünglich schnell fahrender Pkw Grün bremst. Aber wie sieht Julia die Sache, wie sind ihre Gefühle?

Die ängstliche Julia sieht die Lage ganz anders:

  1. Sie kann gar nicht genau einschätzen, ob sie die Kurvenfahrt am Lkw vorbei schafft. Der Lkw flößt schon durch seine schiere Größe und Masse Respekt ein. Von daher bleibt sie schon mal stehen. 
  2. Der blaue Pkw von links macht durch sein ursprünglich hohes Tempo Angst. Antje hat durch ihren Unfall nur eins gelernt, sich und anderen nicht mehr zu trauen. Sogar wenn Fahrer Pkw Blau bremst, ist ihr das noch nicht geheuer. Die Verkehrsregel rechts vor links spielt bei ihr nur eine ganz geringe Rolle, eben nur wie auf dem Papier. Sie fürchtet, dass der Fahrer Pkw Grün letztlich doch nicht wartet. Sie fürchtet mehrere Situationen:
    1. Sie fährt los, Fahrer Grün fährt los. Daher lieber stehen bleiben.
    2. Fahrer Grün hat angehalten, ist enttäuscht, dass sie nicht losfährt, äußert seinen Unmut durch Zeichen oder Gesten
    3. Hinter ihr taucht jemand auf, der ebenfalls nach rechts abbiegen möchte, nicht versteht, warum sie nur herum steht, und drängelt. 
  3. Sie würde am liebsten nur stehen bleiben und warten, bis alle weg sind. 

Genau darin bestärke ich sie. Julia darf hier keinesfalls gegen ihre Angstgefühle losfahren. Wir praktizieren den sogenannten Angsthasenfahrstil: Wir fahren bei dieser für Antje unklaren, unsicheren Lage langsam, sehr sehr vorsichtig. Das heißt auch, wir warten nach rechts und winken nach links, bis die Kreuzung auch wirklich ganz frei ist. Sollte auch noch ein Fahrer von hinten auftauchen, dann werden wir ihn ebenfalls weiter winkien. 

 Julias Angstgefühle sind teils berechtigt, teils überzogen. Aber das spielt hier keine Rolle, Angst ist Angst. Diese müssen wir ernst nehmen. 

Was Julia jetzt aber wirklich lernen kann, ist, nicht in Schreckhaltung zu verharren, wie damals bei ihrem Unfall. Sie möchte verzichten, das gebietet die Angst, lässt ihr Zeit, nachzudenken und beruhigt sie. Sie kann und soll den Verzicht aber auch klar ausdrücken - durch ein entsprechendes Zeichen nach links: Sie sollte dem dort schon etwas unwillig wartenden Fahrer Grün durch Winken signalisieren, dass sie auf die Vorfahrt verzichtet und er gerne weiter fahren kann. 

Erst dann, als die Einmündung wirklich ganz leer ist - vom Verkehr von rechts wie auch vom Verkehr von links -, fahren wir in großer Ruhe und ohne jede Angst los. Antje hat nun klare Informationen und weiß, dass nichts passieren kann. 

In schwieriger Verkehrslage, wo sowieso langsam gefahren wird, bleiben wir lieber stehen und informieren uns in Ruhe. Wir können auch andere weiter winken. So entspannt sich die Lage. Wir bleiben ruhig, können die Informationen besser bewerten und fahren mit klarer, sicherer Entscheidung los. Das ist der Angsthasenfahrstil. 

Einmündung, wir biegen nach rechts ab. Von links gibt es keine Straße. Erster oder zweiter Gang?? Angsthasenfahrstil!

Julia hat inzwischen die Kupplung getreten und in den zweiten Gang geschaltet. Sie fährt vorsichtig weiter, gibt ein bisschen Gas. Kurz vor der nächsten Einmündung bitte ich sie, wieder nach rechts abzubiegen. Dieses Mal gibt es keine Straße und damit auch keinen Verkehr von links (s. Zeichnung). Ich frage sie, wie sie das folgende Abbiegen durchführen möchte. 

Einmündung, von links keine Straße. Wir biegen nach rechts ab
Einmündung, von links keine Straße. Wir biegen nach rechts ab

 

Ein geübter Fahrer würde hier, zuerst bremsbereit, im zweiten Gang bleiben, das Auto rollen lassen, nach rechts lenken, und so rechts abbiegen; dann mit etwas Gas aus der Kurve heraus fahren.

Nicht so die Angsthäsin Julia. Nach ihrem schweren Unfall hat sie verständlicherweise Angst vor jeder Kurve. Auch wenn von links keine Gefahr droht. Sie bremst, drückt die Kupplung, bleibt stehen, schaltet in den ersten Gang. Dann fährt sie sehr langsam, schubweise, so wie sie es vorher gelernt hat, vorsichtig um die Kurve. Antje ist glücklich, sie kann nun Kurven wenigstens sehr langsam durchfahren. Aber was ist mit schnellen Kurven auf der Bundesstraße?

Ich vertröste sie damit auf später. Aber ein Anfang ist doch gemacht. Das leuchtet ihr ein. 

Haben wir durch einen Unfall das schwere Gefühl des Unvermögens, so dass dieser womöglich wieder kommt, dann ist es richtig, eine ähnliche Situation sehr langsam, vorsichtig und sicher zu bewältigen. Das gibt etwas vom Gefühl der  Sicherheit zurück. Später werden wir zusätzlich versuchen, mit dem Fehler umzugehen (Julia ist damals zu schnell gefahren, weil sie sich nur aufs Schalten konzentriert hat). 

Wir müssen langsamer fahren: Kupplung - Bremse oder Bremse - Kupplung??

Nach dem Abbiegen erwartet uns eine längere Strecke geradeaus. Julia kann sogar bis zum dritten Gang schalten. Dann nähern wir uns der nächsten Einmündung, wo wir wieder rechts abbiegen wollen. Julia ist trotz einiger Erklärungen dazu völlig unklar, wie sie langsamer fahren und schalten soll. Sie äußert laut Angst. Ich greife ein, ziehe den Wagen nach rechts zum Halten. Dann sprechen wir über den richtigen Ablauf beim Verzögern des Wagens und Julias Angst. 

 

Fortsetzung