Blue Flower

Wie bewältige ich meine Angst vor dem Auto oder vor dem Autofahren?

Ratschläge und Informationen für Menschen mit Fahrangst und Stress im Auto

Der Ablauf der Betreuung in der Angsthasenfahrschule

Sie haben im Internet recherchiert und sich mit Bekannten beraten. Nun steht fest, dass Sie sich für die Betreuung in der Angsthasenfahrschule interessieren. Sie möchten mehr erfahren über das Programm zur Überwindung von Fahrangst und Stress im Auto. Was kommt da genau auf mich zu?

 Wie ist der zeitliche und organisatorische Ablauf, wie lerne ich meine Fahrangst zu bewältigen, wie geht es hinterher weiter? Darüber informiert Sie dieser Artikel. Wichtig für Sie sind auch die Kosten für die Betreuung. Darüber gibt es einen eigenen Artikel Preise für die Angsthasenbetreuung.

Weil dieser Artikel so wichtig ist für Sie zu Beginn der Betreuung, bitte wir alle Angsthasen/häsinnen, ihn vorher in aller Ruhe zu lesen und sich Gedanken zu machen oder fragen zu formulieren, wenn etwas nicht klar ist. Denn Information bedeutet vorneweg schon Angstabbau!

Das Ziel aller Bemühungen sollte sein, dass Sie zum Schluss ohne Fahrängste und ohne Stress im Auto wieder sicher und entspannt fahren. Motto: Mehr Mut zum Autofahren!

Einstiegsphase

1. Angsthasentreff

Die Betreuung beginnt sinnvoll mit der Beteiligung am Angsthasentreff. Sie sind herzlich eingeladen, eines der am Monatsende regelmäßig statffindenden Treffen von Angsthasen/häsinnen zu besuchen. Die Tische sind heraus geräumt, so dass mehr Nähe entsteht. In der Stuhlrunde sprechen alle über ihre Erlebnisse mit der Fahrangst. Jede/r darf sich trauen, alle haben Verständnis. Dabei geben ich Ihnen einen Überblick über unsere Methoden der Angstbewältigung. Schließlich können bei der Diskussion viele Fragen beantwortet werden. Am besten ist aber, dass Sie andere Menschen kennen lernen, denen es genauso geht wie Ihnen. Sie erleben zum ersten Mal volles Verständnis, während ihre Umgebung bis jetzt eher verständnislos war.

Angsthasentreff in der Fahrschule. Stuhlrunde, eigene Geschichte erzählen, Verständnis erleben
Angsthasentreff in der Fahrschule. Stuhlrunde, eigene Geschichte erzählen, Verständnis erleben

Übrigens: Sie werden sich wundern, wie auch im Bild zu sehen, dass bei diesen Treffs die Frauen sehr überwiegen. Die Gründe sich vielfältig. Auch die Wissenschaftler rätseln deshalb.

Während der Erzählungen erkläre ich Ihnen die Bedeutung und den Ablauf Ihrer Betreuung zur Bewältigung von Angst und Stress. An den Beispielen und meinen Ratschlägen, die ich zur Diskussion stelle, können Sie sich schon ein sehr gutes Bild vom Ablauf machen.

2. Einführendes Gespräch und Probefahrt

Dass Sie sich überhaupt für die Fahrangstbetreuung in der Fahrschule entschieden haben, ist ein großer Schritt für Sie. Damit haben Sie schon viel geschafft. Sie möchten nun gern wissen, wie es weitergeht. Zuerst sollten wir zusammen etwas Hintergrundwissen erarbeiten. Sie sollen uns kennen lernen, und wir möchten gerne mit Ihnen über einen genaueren Plan Ihrer Betreuung bei uns nachdenken. Dazu müssen wir uns Zeit nehmen (etwa eine halbe Stunde) und zusammen über die Entstehung, die Art und die Stärke Ihrer Fahrangst sprechen.

Einführendes Gespräch:

Wir laden Sie also zuerst zu einem einführenden Gespräch ein. Dabei überlegen wir mit Ihnen, wie sich ihre Ängste oder ihren Stress im Auto entwickelt haben (typische Stationen wären z.B. Familie, Partnerschaft, Führerscheinausbildung, Fahrprüfung, Zeit danach, weitere belastende Situationen), welcher Art sie sind (Angst vor dem Auto, Angst vor dem Verkehr, Angst vor Beifahrern, Panik auf der Autobahn ...) und vor allem wie schwer sie sind. Bei schweren Ängsten, die das ganze Leben, nicht nur das Fahren, einschränken, raten wir zu einer Therapie (Verhaltenstherapie). In einer Therapie lernen Sie unter Anleitung eines Therapeuten, Ihre Ängste zu verstehen, zu kontrollieren und besser mit Ihnen umzugehen. Auf Antrag übernimmt die Krankenkasse die Kosten.

Auch im Falle einer Therapie werden Sie wahrscheinlich weiter mit uns zusammen arbeiten. Wir können die fahrpraktische Konfrontation übernehmen. Der Therapeut spricht mit Ihnen über Ihre quälenden, blockierenden Angstgedanken. Wir fahren mit Ihnen mit dem Fahrschulwagen in angstauslösende Situationen, wo  Sie lernen, die Angst auszuhalten und zu mildern.

Der wichtigste Teil des einführenden Gesprächs ist die Antwort auf die Frage: Was können wir in Ihrem Falle tun, wie können wir Ihnen helfen? Wir bieten Ihnen einige Möglichkeiten, aber die brauchen Sie wahrscheinlich gar nicht alle wahrzunehmen. Entscheidend für Sie ist, dass Sie die wichtigsten Schritte der Angstbewältigung kennen lernen, die wir als "Methode der Angstbewältigung in sieben Schritten" bezeichnen:

  1. Ängste akzeptieren, Ängste ernst nehmen
  2. Körperliche Symptome laut benennen, sich entspannen können
  3. Gedankenfalle überwinden
  4. Autofahren auffrischen
  5. Angsthasenfahrstil pflegen
  6. Vermeidung vermeiden, in angstauslösende Situationen fahren
  7. Selbständig fahren
Probefahrt:

Anschließend geht es zur Probefahrt, bei der ich als Angsthasenfahrlehrer für gewöhnlich das Fahrschulauto raus aus dem dichten Straßenverkehr in ein verkehrsruhiges Gebiet fahre. Dann dürfen Sie loslegen, vielleicht wieder mit den ersten Schrittchen beim Fahren.Viele Angsthasen, die wegen ihrer Angst schon lange das Fahren vermieden haben, wünschen sich ganz bewusst zu Anfang das Fahren im verkehrsruhigen Gebiet.

Beginn der Betreuung im ruhigen Gewerbegebiet
Beginn der Betreuung im ruhigen Gewerbegebiet

Bei den ersten Fahrversuchen im Gewerbegebiet spielen vor allem die Fahrtechniken eine Rolle, bei der der Wagen im langsamen Tempo bewegt wird und sich bei Ihnen endlich wieder das Gefühl der Kontrolle über den Wagen, über die Maschine einstellt: 

  • Rollen lassen im ersten und im zweiten Gang, mit losgelassener Kupplung und ohne Gas. Dies ist für viele erstmal ein großes Aha-Erlebnis. Es ist zuerst nicht begreiflich, man glaubt, der Motor gehe aus. Doch bekommt er ja, wie beim Starten auch, schon das Leerlaufgas, ohne aufs Gaspedal zu treten. Das Rollenlassen kann mit oder ohne Bremsbereitschaft geübt werden. Es geschieht in potentiell gefährlichen Situationen, in denen der Wagen gleichmäßig weiterrollen soll, aber unter Kontrolle bleiben muss (Nähe von Kindern, Kreuzung mit Vorfahrt von rechts). Es vermittelt auf jeden Fall ein starkes Gefühl der Kontrolle, was viele Angsthasen doch so schmerzlich vermissen.
  • Schubsendes, langsames Bewegen des Wagens durch Gas und Einsatz der schleifenden Kupplung und anschließender Unterbrechung der Bewegung durch Treten der Kupplung. Das Schubsen ist ebenfalls eine sehr kontrollierte, langsame Bewegung des Wagens. Es geschieht typischerweise bei Parken oder beim Hineintasten in Kreuzungen.
  • Tasten oder Kriechen, sehr langsames, gleichmäßiges Vorwärtsbewegen durch gleichmäßig geringes Gas und ganz wenig schleifende Kupplung. Das Tasten oder Kriechen ist die langsamste Form der Bewegung. Es erfolgt in Situationen, die extreme Kontrolle erfordern, beim Parken in engen Lücken, beim Hineintasten in sehr zugeparkte Kreuzungen, beim Begegnungsverkehr in sehr engen Wohnstraßen.
Langsames Fahren mit wenig Gas und schleifender Kupplung
Langsames Fahren mit wenig Gas und schleifender Kupplung

All die Techniken des Langsamfahrens werden genauso beim Rückwärtsfahren gebraucht. Dieses wird normalerweise von vielen gefürchtet. Aber da wir das Langsamfahren inzwischen gut beherrschen, ist die Furcht nur noch halb so groß.

Andere Angsthasen sind aber schon weiter, kommen vielleicht schon mit dem eigenen Wagen zur Fahrschule. Sie haben "nur" Panik auf der Autobahn, im Stadtverkehr läuft es angstfrei. Mit ihnen fahren wir ein harmloses Stück der städtischen Autobahn. Es geht darum, erste Erfahrung zu sammeln, wie sie lockerer mit der Panik umgehen können. Würde die Panik dennoch kommen, kann der Fahrlehrer jederzeit den Wagen übernehmen. Das ist vorher geübt und abgemacht.

Über die Betreuungspraxis bei Autobahnpanik existiert ein besonderer Artikel.

Alle bekommen vor der Fahrt ersten Unterricht in Entspannungübungen und im  lauten Ansagen der eigenen Nervosität auf einer Skala von 1 (= sehr ruhig) bis 10 (sehr nervös, Panik). Und alle bekommen den Auftrag, während der Fahrt auf ihre Gefühle zu achten.

Nach der Probefahrt setzen wir uns nochmal zusammen und sprechen. Das Ergebnis der Probefahrt bekräftig meistens die Aussagen im Gespräch. Manchmal kommen auch neue überraschende Aspekt dazu.

Ihr Angsthasenfahrlehrer wird Ihnen nun Vorschläge machen, wie es weiter geht. Dazu gehören nicht nur Elemente des Stoffs (Auffrischung), sondern weiteres Trainieren bestimmter Entspannungsübungen, Gespräche über Angstgedanken. In der Praxis ist vor allem das Gewöhnen an den Angsthasenfahrstil wichtig.

Damit ist die erste Phase der Orientierung abgeschlossen - mit der Beantwortung der Frage: Wie steht es mit mir, wie geht es weiter, kann ich auf einen Erfolg hoffen?

Betreuung mit dem Fahrschulwagen

3. Betreuungsfahrten mit dem Fahrschulwagen: Angsthasenfahrstil, Entspannungsübungen

Die nächste Phase ist ein Kernstück Ihrer Betreuung: Sie fahren mit dem Fahrschulwagen, begleitet von Ihrem Angsthasenfahrlehrer. Wir nennen solche Fahrten Betreuungsfahrten. Sie sind nur schwer vergleichbar mit Fahrschulstunden. Denn es geht nicht nur um des Auffrischen des Stoffs, den Sie nach langer Zeit der Fahrvermeidung etwas vergessen haben. Sie sollen sich schrittweise in Sie ängstigende Situationen begeben, Sie sollen Entspannungsübungen in der Praxis anwenden, den Angsthasenfahrstil praktizieren. Und vor allem sprechen wir über Ihre Angstgedanken.

Wenn Sie das Fahren wegen Ihrer Fahrängste längere Zeit vermieden haben, beginnen wir die ersten Betreuungsfahrten immer in einem sehr verkehrsruhigen Gebiet. Der Fahrlehrer fährt Sie dorthin, an Ort und Stelle übernehmen Sie das Steuer. Dort lernen Sie in Ruhe, ohne den ewig drückenden Verkehr, das Auto ohne Angst wieder zu kontrollieren. Das ist für Sie sehr wichtig, um wieder erstes Vertrauen aufzubauen, dass Sie durch Ihre Ängste verloren haben.

Dann geht es in den normalen Straßenverkehr, über ruhige Wohnstraßen, zunehmend lebhafter und dichter, bis zu Fahrten auf breiten, viel befahrenen Straßen im Durchgangsverkehr.

Dabei lernen Sie einen weiteren Schritt der SchaffenWir-Methode kennen, den Angsthasenfahrstil. Sie sollten nun in den meisten Situationen sehr vorsichtig, beinahe übervorsichtig, fahren, um die Kontrolle und Übersicht zu behalten. Nur dann können Sie schwierige Situationen ohne Angst bewältigen und weiter Vertrauen gewinnen. Sie werden bedenklich sein und andere nicht behindern wollen. Diesen kleinen Nachteil müssen wir aber in Kauf nehmen, sonst vergrößert sich Ihre Angst wieder. Auch die von Ihnen befürchteten Folgen einer Behinderung sind meisten nicht so schlimm. 

Ein Beispiel: Große, breite Straße, viel Verkehr auf allen Fahrstreifen. Wir üben Fahrstreifewechsel. Vor Ihnen ein Transporter, steht in 2. Reihe. Im Spiegel sehen Sie auf dem Nachbarfahrstreifen schnellen Verkehr heranbrausen. Eine Lücke ist zwar zu sehen, sie wird aber zusehends kleiner. Ein geübter Autofahrer würde nun "mit Stoff" in die Lücke ziehen. Sie tun das nicht, denn Sie haben Angst, Diese Gefühl respektieren wir. Sie bleiben hinter dem Transporter stehen, warten in Ruhe, bis alle nachfolgenden Pkw weg sind. Dann können Sie endlich in Ruhe wechseln.

Später fassen Sie vielleicht Mut und wechseln auch dann, wenn die hinteren Autos schon zu sehen, aber noch weit weg sind. Oder wenn sie langsam fahren. Immer bleibt Ihnen die Möglichkeit offen, hinter dem Transporter anzuhalten, nicht im Schwung mit den anderen fahren zu müssen, mit Risiko nach links zu ziehen. Sie bleiben lieber stehen, können  sich beim Stehen in Ruhe wieder entspannen.

So gehen bzw. fahren wir in alle schwierigen Situationen in Ruhe hinein. Sie fassen Vertrauen, werden selbstbewusster und fahren dann, aber auch erst dann, ein bisschen flotter. Jederzeit können Sie sich aber wieder auf den Angsthasenfahrstil zurückziehen.

Dichter Verkehr, Kurve, Transporter steht in zweiter Reihe

Dichter Verkehr, Kurve, Transporter steht in zweiter Reihe

Die beiden wichtigsten Methoden zur Angstbewältigung, die Sie zu Beginn kennen lernen, sind der Angsthasenfahrstil und einfache, sofort wirksame Enstspannungsübungen. Damit können Sie schon in vielen angstauslösenden Situationen die Angstspitzen wegnehmen, die zu Panik und zu Konzentrationsstörungen führen. Sie fahren zwar immer noch mit einem Grundlevel von Angst, aber weit kontrollierter als vorher.

4. Betreuungsfahrten, weitere Möglichkeiten der Angstbewältigung.  Sprechen über Angstgedanken. Freundliche Gedanken suchen. Konfrontieren mit den angstauslösenden Situationen. Fehlerübungen

Angsthasen/häsinnen leiden an vielen Ängsten: Die Angst vor Dränglern, die Angst vor dem eigenen Unvermögen, die Angst, in der Überforderung etwas oder einen Verkehrsteilnehmer zu übersehen, der sowieso im Ruf steht, irrational zu reagieren (Fußgänger, Radfahrer), und dadurch einen schweren Unfall zu verschulden.

Die Ängste lassen sich durch den Angsthasenfahrstil und durch Entspannungsübungen mildern. Viele Entscheidungen werden bei langsamer Fahrweise und mehr Zeit zum Überlegen vernünftiger. Dennoch muss man aus der Erfahrung heraus erkennen: Allein der Angsthasenfahrstil kombiniert mit Entspannung wird die Ängste ganz nicht nehmen. Er wird sie auf ein gewisses Grundmaß reduzieren. Die Angstspitzen sind dadurch weg, vor allem wenn wir den Angsthasenfahrstil mit Entspannungsübungen kombinieren. Das ist auch schon mal was. Aber wenn die Belastung steigt, reicht das leider noch nicht zur Angstbewältigung.

Was da unablässig durch den Kopf schwirrt an belastenden, blockierenden Gedanken, das müssen wir auch zusätzlich und gesondert angehen. Wir fahren in die belastenden Situationen und machen die Erfahrung, dass wir sie sehr wohl durchstehen können, dass die Nervosität letztlich sogar sinkt. Dazu heißt es aber sprechen, sprechen, sprechen über all die bedrückenden Gedanken.

Wir ziehen uns raus aus dem Geschehen nach einer belastenden Erfahrung und tauschen Beobachtungen über die Gefühle und Bedanken der Betroffenen aus, vergleichen diese mit dem Erlebten aus der Verkehrswelt.

Durch das Gespräch über die Angstgedanken und das Vergleichen mit der realen Situation lässt sich vieles zurecht rücken und freundlicher sehen.

Noch einmal das obige Beispiel, dichter Verkehr, Transporter steht in zweiter Reihe. Eine Angsthäsin, noch in den ersten Stunden, fährt auf einer großen, belebten Straße, bleibt rechts, fährt meistens nicht 50, sondern eher weniger. Das ist der Angsthasenfahrstil, der ihr beim Weiterfahren und beim rechtzeitigen Erkennen von Hindernissen oder Schildern klare Vorteile verschafft. Nun taucht der Transporter in zweiter Reihe auf. Die Angsthäsin wird sich bedrängt fühlen, schnell und "irgendwie" zu wechseln. Sie kann den Angsthasenfahrstil praktizieren, anhalten, das haben wir geklärt.

Welche Angstgedanken hat die Angsthäsin in dieser Situation?

  • Sie fürchtet, dass die Drängler sie gar nicht herein lassen, so dass es zu einem Unfall kommt.
  • Sie fürchtet, die anderen zu behindern durch Ihr Stehenbleiben. Oder wenn sie schon stehen bleibt, dass es womöglich zu einem Auffahrunfall kommt.
  • Vor allem ist sie nach ihrem Gefühl und Einschätzen ihres Könnens den Schwierigkeiten der Situation gar nicht gewachsen.

Egal, ob sie wechselt oder stehen bleibt, alles ist schlecht und kann in einem Unfall enden. So entsteht neue, schwere Angst.

Zu Anfang muss der Angsthasenfahrlehrer helfen, bei der Entscheidung, zu bremsen, stehen zu bleiben, trotz der Angst vor Dränglern. Dann ziehen wir uns heraus, sprechen in einer stillen Wohnstraße über die Drängelangst. Letztlich ist es doch weniger Schaden, im Verkehr stehen zu bleiben (= Behinderung), als eine falsche Entscheidung zu treffen und nach links in die Fließverkehr zu wechseln, mit Unfallgefahr (= Gefährdung).

Wir reden über zweierlei Möglichkeiten, die Angst zu bewältigen:
  1. Entspannungstechniken, Angsthasenfahrstil: Ruhiges Schalten, ruhiges Kuppeln, lebhaftes Schauen vor und zurück, seitwärts, lautes Sprechen über die eigene Befindlichkeit und die Lage im Verkehr. Das ist der Stoff der Entspannung. Dieser signalisiert dem Angstzentrum: Es ist alles gut, ich handle ruhig, ich habe Zeit über mich zu sprechen, ich schaue überall hin. Kein Grund, Angst zu haben. Ein großer Mehrwert bei der belastenden Situation. Dazu kommt der vorsichtige Angsthasenfahrstil. Angsthasenfahrstil und Entspannungstechniken nehmen die Spanungspitzen, reduzieren die Angst auf ein erträgliches Grundmaß. Aber, wie gesagt, sie reichen noch nicht bei großer Belastung.

  2. Blockierende Gedanken ändern: Wir sprechen über die Rolle der Angsthäsin im Verkehr und ihre Sicht auf die anderen (= Drängler). Und hier stellt sich leider Negatives heraus: Drängler sind ihrer Meinung nach grob und rücksichtslos, hetzen sie, lassen sie nicht wechseln.  Und sie hält dem Druck kaum stand, fürchtet eine schlimme Fehlreaktion (Verwechslung von Gas und Bremse), darauf einen schlimmen Auffahrunfall oder eine falsche Entscheidung beim Fahrstreifenwechsel. Hier zeigt sich die doppelte schlechte Sicht auf die Welt: Die anderen sind böse, ich bin unfähig, dadurch gibt es schlimme Unfälle.
Die anderen - rücksichtsloser Drängler?

Drängler stehen oft unter Druck. Das weiß auch die Angsthäsin. Vielleicht kommen die Fahrer deswegen kurz ein bisschen näher. Aber nicht, weil sie uns Böses wollen, sondern weil sie es schlicht und einfach eilig haben. Wenn wir selbst bremsen müssen, dann sollten wir sie bei kürzeren Abständen am besten warnen, durch kurzes Antippen der Bremse. Das Antippen der Bremse ist der Angsthäsin nicht vertraut, wir beschließen, es anschließend im ruhigen Industriegebiet zu üben. Außerdem wollen wir uns dort auch um die befürchtete Fehlreakton (Verwechslung von Gas und Bremse) kümmern.

Wenn wir wechseln wollen, dann sollten wir dies natürlich früh signalisieren und dabei in Ruhe die anderen beobachten: Und dabei stellt sich sehr oft heraus, dass die angeblich so bösen Drängler bereitwillig Platz machen. Sie bleiben sogar zurück, signalisieren mit der Lichthupe, strengen sich richtig an, uns zu helfen!

Ich bitte sie auch, das Verhalten von Lkw-Fahrern im Industriegebiet zu beobachten. Dort stehen sie weniger unter Druck, alle Fahrschulen, die dort üben, werden rücksichtsvoll behandelt. Sie kann dies an einigen Beispielen gut erkennen. Die Angsthäsin übt nun zwei Dinge, wenn ihr bedrohliche Gedanken über andere in den Kopf kommen:

Stopptechnik bei blockierenden Gedanken

Stopptechnik bei blockierenden Gedanken

  • Die Stopp-Technik, sofort Stopp zu sagen zu belastenden Gedanken
  • Zaubersprüche bereit zu haben (sog. Mantras), die die durch Stopp entstandene Lücke im Kopf freundlich und optimistisch ausfüllen: "Ich mag Lkw-Fahrer und andere Autofahrer gern, sie helfen mir beim Wechsel des Fahrstreifens."
    "Ich wechsle den Fahrstreifen gern, ich kann das gut!"

Ergebnis: Andere Fahrer (Lkw- und Autofahrer)  werden nicht mehr pauschal als bedrohlich angesehen. Manche helfen, manche nicht, die haben es vielleicht sehr eilig. Die Situation spielt auch eine Rolle. Das ist schon viel.

Fehlerkorrektur-Training

Die Angsthäsin soll nun erleben, dass sie sehr wohl mit der Fehlreaktion (Verwechslung von Gas und Bremse) umgehen kann. Im verkehrsruhigen Gebiet üben wir in einer Sackgasse. Dort trainieren wir ihr Verhalten beim Auftreten des befürchteten Fehlers. Das macht ihr sogar Spaß. Sie fährt mit dem Wagen einigermaßen schnell auf das Ende der Sackgasse zu. 50 m davor sollte sie eigentlich langsamer werden. Das tut sie jedoch nicht, sondern produziert ihren Fehler: Sie gibt plötzlich Vollgas. Jetzt passiert genau das, wovor sie solche Angst hatte. Jedoch die Wirkung auf den Wagen? Eher gering. Sie kann anschließend noch in Ruhe bremsen.

Aus dieser Übung hat sie mitgenommen: Ich kann mit diesem Fehler umgehen. Der Fehler ist beherrschbar. Die Furcht vor Fehlern sinkt.

Fahrstreifenwechsel in der Praxis

Nach den vielen Übungen im Verkehr und in Angstkontrolle nähern wir wieder einer Situation wie oben im Bild gezeigt, Transporter steht in zweiter Reihe: Die Angsthäsin beobachtet und spricht laut, über ihre Gefühle und die Einschätzung der Lage. Sie weiß, dass sie jederzeit die Alternative hat, anzuhalten - der Angsthasenfahrstil. Inzwischen möchte sie eine andere Alternative wählen. Sie blinkt links, sie will es versuchen, und beobachtet natürlich die hinter ihr fahrenden Autofahrer. Nun spricht sie weiter: "Ich bin etwas nervös, bei 4, es geht, der Fahrer hinter mir fährt langsam, fällt zurück. Er will mir helfen. Ich kann anhalten, aber eigentlich schaffe ich das jetzt. Ich schaue hin und her, atme tief. Ich ziehe rüber, nach links. Alles gut!"

Die Angsthäsin benutzt folgende Techniken der Angstkontrolle vor und beim Wechseln des Fahrstreifens:

  • Lautes Sprechen (über Nervosität und Angst, distanziert ein bisschen davon, Entspannung durch langsames Ausatmen beim Sprechen)
  • Angst laut in Zahlen benennen (Entspannung, Angstabbau)
  • Angstgedanken über andere durch freundliche ersetzen ("er fällt zurück, will mir helfen")
  • Angsthasenfahrstil (als Alternative), ist wichtig, aber nicht nötig
  • Angstgedanken über sich selbst durch freundliche ersetzen ("ich schaffe das jetzt")
  • Hin und her schauen (Entspannung, beugt dem starren Tunnelblick vor, sorgt für Sicherheit)
  • Tiefes Atmen (Entspannung)
  • Lautes Sprechen, Planen des Wechsels (bewusster Einsatz des Verstandes, der sich unter Stress vielleicht zurückziehen würde)

Zwei Ziele der Betreuungsfahrten zum Umgang mit den Ängsten sind wichtig:

  1. Spannungspitzen der Angst (in Zahlen 8, 9, oder gar 10), die vernünftiges Denken und Handeln blockieren, werden gemildert oder ganz vermieden. Die Angst vor solchen Spannungspitzen sinkt, die Grundhaltung wird ruhiger.

  2. Die Grundangst sinkt insgesamt: Statt mit einem durchschnittlichen Angstniveau von 4 - 6 fahren wir nur noch mit 3 - 4.

Damit fahren wir gelassener und sicherer.


5. Abschluss der Betreuungsfahrten: Testfahrten

Vor dem Übergang zum selbständigen Fahren sollten Sie zeigen, dass Sie mit dem Fahrschulwagen sicher und angstkontrolliert fahren können. Dies geschieht bei einer Testfahrt. Bei der Testfahrt wird das selbständige Fahren simuliert, der Fahrlehrer gibt nur noch Richtungsanweisungen, möglichst keine Ratschläge mehr. So kennen wir es aus dem Fahrschulbereich. Wenn der Schüler im dichten Stadtverkehr wenigstens eine halbe Stunde ohne gravierende Fehler fährt, dann ist die Testfahrt bestanden.

Übertragen auf unseren Bereich, der Betreuung bei Fahrangst, wird noch ein bisschen mehr von Ihnen verlangt. Sie sollen sicher und gelassen fahren:

  • Die Angsthäsin sollte in der Lage sein, selbständig, sicher, ohne gravierende Fehler zu fahren. Das ist die eine Voraussetzung.
  • Die beinahe wichtigere Voraussetzung ist die Möglichkeit, inzwischen gelernt zu haben, mit der eigenen Angst kontrolliert umzugehen - durch Anwenden des Angsthasenfahrstils, einfache Entspannungsübungen, Abwehr blockierender Gedanken und konstruktive Fehlerübungen. Dadurch kann sich erst Gelassenheit einstellen, Voraussetzung für vernünftiges, sicheres Fahren.

Vor dem selbständigen Fahren steht aber nicht nur der Prüfungsteil der Testfahrten, sondern ein innerer Schritt: Fühle ich mich denn reif genug, die alleinige Verantwortung für das Fahren im Verkehr zu übernehmen?

Schlussphase: Selbständiges Fahren, keine Angst mehr vor dem Autofahren

Die Schlussphase umfasst folgende Teile:

  1. Selbständiges Fahren, begleitet vom Fahrlehrer
  2. Selbständiges Fahren, Alleinübungen ohne Fahrlehrer
  3. Letztes Einzelgespräch

6. Die beinahe letzte und sehr wichtige Phase - das selbständige Fahren, begleitet vom Fahrlehrer

 Beim selbständigen Fahren fahren wir mit Ihrem eigenen Wagen.  Dem Angsthasenfahrlehrer bleiben - außer Ratschläge zu geben - keine Einflussmöglichkeiten mehr. Auch in schwierigen Situationen wird er nicht eingreifen, höchsten raten. Sie übernehmen die volle Verantwortung als Führerin des Wagens. Verantwortung zu übernehmen ist ein großer Schritt! Das macht diesen Teil der Betreuung so aufregend, aber auch förderlich! Wichtig ist nun, vor allem auf Ihren "Hausstrecken" zu üben, auf denen Sie auch später selbständig fahren wollen. Für viele Angsthasen/häsinnen ist es ein großer Unterschied, ob der Angsthasenfahrlehrer bei Fahrten mit dem eigenen Wagen vorne (Normalfall) oder hinten auf der Rückbank sitzt. Der zweite Fall ist noch stressiger, muss gerade deswegen trainiert werden.

Selbständiges Fahren mit dem eigenen Wagen, Navi angestellt, Fahrlehrer sitzt hinten rechts
Selbständiges Fahren mit dem eigenen Wagen, Navi angestellt, Fahrlehrer sitzt hinten rechts

7. Die letzte Phase: Selbständiges Fahren, Alleinübungen ohne Fahrlehrer

Sie ertragen es inzwischen, dass bei Fahrten mit Ihrem eigenen Wagen der Fahrlehrer nicht nur vorne neben Ihnen, sondern auch hinten auf der Rückbank mitfährt. Sie haben intensiv Angstbewältigung geübt und sind Ihre Hausstrecken abgefahren. Der letzte Schritt der SchaffenWir-Methode heißt "selbständiges Fahren, Alleinübungen ohne Fahrlehrer". Das ist Ihr wichtigstes Ziel. Für manche Angsthasen ist dies besonders dringend, weil sie auch nach der Prüfung immer nur in Begleitung gefahren sind, in dieser Zeit immer ängstlicher wurden und schließlich lange Zeit aufgehört haben. Sie sind noch nie in ihrem Leben allein gefahren. Aber das wollen wir ja ändern und verbessern.

 

Selbständiges Fahren im dichten Verkehr, Fahrlehrer begleitet hinten rechts
Selbständiges Fahren im dichten Verkehr, Fahrlehrer begleitet hinten rechts

Wir achten schon während der Ausbildung darauf, dass Sie selbständig fahren. Die meisten Angsthasen haben schon den Führerschein. Da das selbständige Fahren für Angsthasen/häsinnen besonders belastet ist, müssen wir dies sorgfältig vorbereiten. Wir können erst damit beginnen, wenn Sie bei Fahrten mit dem Fahrschulauto eine bestimmte Reife erreicht haben.

Dann müssen wir zum Erreichen Ihres wichtigsten Ziels noch einmal ganz von vorne anfangen. Wir üben eine von Ihnen gewünschte, sehr einfache Strecke. Diese Strecke üben wir zuerst mit dem Fahrschulauto, z.B. von der heimatlichen Wohnung zu einem Einfkaufscenter und zurück. Dann steigen wir in den eigenen Wagen (Fahrlehrer ist nun nicht mehr als verständiger Begleiter). Dabei ergeben sich in der Praxis viele neue Schwierigkeiten. Aber manche Teile dieser Strecke könen Sie vielleicht schon allein bewältigen, z.B. das Ein- und Ausparken. Der Fahrlehrer steht dabei auf dem Gehweg, berät sie von außen.

Nun kommt aber der entscheidende Schritt: Wir verabreden einen bestimmten, sehr ruhigen Wochentag und eine bestimmte Zeit, dann soll die erste eigene Fahrt losgehen. Meistens entscheiden sich die Angsthasen/häsinnen für Sonntag morgen. Die ersten paar Male klappt es oft nicht, weil unvermutete Schwierigkeiten auftauchten. Dann müssen wir nochmal zusammen üben. Aber irgendwann kommt dann doch eine strahlende Angsthäsin in die Fahrschule: Die Fahrt ist gelungen! Damit ist eine der größten Hürden der Angstbewältigung genommen.

Wenn die erste Fahrt allein geglückt ist, können wir auch mehr Hausaufgaben aufgeben. Wir üben auch die Fahrt von der eigenen Wohnung zur Fahrschule. So kann auch diese Strecke mit dem eigenen Wagen zurückgelegt werden. Das eigene Fahren beflügelt die Fahrschulausbildung so sehr, dass allen klar wird: Das Ziel ist bald erreicht.

Zum Schluss gibt es eine Abschiedszeremonie: Die Angsthäsin drückt einen Stoffhasen, ein Foto wird gemacht für die Bildergalerie.

8. Nachgespräch

Nach einigen Wochen des selbständigen Fahrens werde ich Sie anrufen oder Ihnen eine Email schicken, wie Sie zurechtkommen. Am liebsten ist es mir, wenn wir uns in der Angsthasenfahrschule noch einmal zu einem Gespräch treffen, wie es Ihnen ging. Sie sind aber auch so nicht allein. Wenn Sie Hilfe brauchen, melden Sie sich, ich stehe Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.


Angstbewältigung geschafft, glücklich. Abschied
Angstbewältigung geschafft, glücklich. Abschied

 

Weitere Möglichkeiten, sich die Angstbewältigung in der Angsthasenfahrschule leichter zu machen:

Mitfahren

Nehmen Sie auch die Gelegenheit wahr und fahren Sie bei Fahrstunden anderer Angsthasen mit. Das kostet Sie nichts, ist aber sehr informativ. Sie können sich mit dem/der anderern unterhalten und zuschauen, welche Probleme es gibt, wie es in der Praxis funktioniert.

Einzelsitzungen beim Therapeuten

Während der Seminare oder der praktischen Betreuung und Angstbewältigung ergibt sich manchmal die Notwendigkeit, allein und ausführlich mit einem Therapeuten zu sprechen. Das kann eine regelrechte Behandlung sein, vielleicht aber auch nur ein besonderes Gespräch. Die therapeutische Behandlung ist immer notwendig bei sehr starken Ängsten, oder wenn Ängste das ganze Leben bestimmen (nicht nur eine sehr begrenzten Bereich, wie bei der Fahrangst).

Lektüre des Ratgebers "Keine Angst mehr hinterm Steuer"

Wir empfehlen Ihnen, zu Beginn den von uns (F. Müller u. H.J. Ruhr) geschriebenen Ratgeber über die Überwindung von Fahrängsten und von Stress beim Autofahren zu lesen. Hier werden verschiedene Fahrängste und Stress-Situationen im Verkehr dargestellt, vor allem wird an vielen Beispielen aus der Praxis die Anwendung der SchaffenWir-Methode gezeigt.

Selbständiges Fahren im Alltag

Sie können Ihre Fahrängste und ihren Stress im Auto nur überwinden, wenn Sie regelmäßig fahren. Jedesmal erleben Sie dabei einen Anstieg der Ängste vor der Fahrt und eine Beruhigung während und nach der Fahrt. Dadurch wird die Angstbewältigung selbstverständlicher.

Um Ihnen den Einstieg ins alltägliche Fahren leichter zu machen, üben wir gegen Schluss der Ausbildung vor allem Ihre alltäglichen Fahrten: Z.B. die Fahrt zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule, zu den Eltern, zum Arzt, den Beginn geplanter Urlaubsfahrten.

Mit diesen Fahrten beginnen Sie und trainieren dabei immer Angstbewältigung. Mit der Zeit werden Sie geübter. So ist es richtig. Sie sollten aber nicht immer nur Routinefahrten ableisten, sondern auch mal was Neues unternehmen: Eine neue Strecke, eine schwierige Strecke, mal ganz woanders hin. Mieten Sie sich doch mal im Urlaub ein Auto und gondeln Sie irgendwo in Europa damit herum. Es wird Ihnen Freude machen!

Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann wenden Sie sich vertrauensvoll an uns. Wir geben uns Mühe, Ihnen zu helfen. Versprochen.

Kontakt