Blue Flower

"Ich hatte keine Panik, keinen Schweißausbruch, ich bin cool geblieben!!"

Protokoll der Ostsee-Urlaubs-Fahrt auf der Autobahn vom 15.06.2015 

1. Vorbemerkung: Angst vor Panik auf der Autobahn

Als sich Michaela an mich wandte, litt sie schon 10 Jahre lang an Panik und Angst vor Panik auf der Autobahn. Wenn es mit der Panik losging, fühlte sie sich zuerst benommen.

 Sie bekam keine Luft mehr, ihr wurde schwindlig, das Herz klopfte stark, der Blutdruck stieg, vom Gefühl her bis in den Kopf hinein, verbunden mit Hitzegefühl, so dass die Konzentration immer schwerer fiel. Mit der Angst vor der Panik war die Sorge verbunden, sie könnte einen Unfall verschulden.

Unter diesen Umständen fuhr sie immer seltener Autobahn. Wenn schon, mit der Angst davor, dass es jederzeit losgehen könnte. Schließlich mied sie die Autobahn ganz, was oft Umwege bedeutete. Im Urlaub musste ihr Mann allein fahren. In der Stadt zu fahren ging locker, aber die Autobahn ging nicht mehr, wegen der Angst vor möglichen Panikattacken. Sie vermied die Autobahn konsequent. Ich habe sie später deswegen gelobt, ich fand ihr Handeln verantwortungsvoll.

Sie wandte sich dann an mich, Frank Müller von der Angsthasenfahrschule. Wir sprachen über ihren Fall und überlegten zuerst, ob eine Therapie nützlich sei. Da ihre Panik aber ausschließlich die Autobahn betraf, stellten wir diese Frage zurück. Michaela litt meiner Ansicht nach an einer nur milden und isolierten Form der Panikattacken. Diese traten nur auf der Autobahn auf. Ihr weiteres Leben war glücklich und nicht eingeschränkt.

Wir probierten es mit der praktischen Konfrontation bei den von ihr gefürchteten Autobahnfahrten. Sie beobachtete unter meiner Aufsicht bei den Autobahnfahrten ihre Angst und trainierte einfache Entspannungsübungen. Folgende Übungen haben ihr geholfen, die Angstspitzen bis zur Panik hinein zu kapppen und das allgemeine Level der Angst zu senken:

 

Progressive Muskelentspannung - löst verkrampfte Muskeln und beruhigt die Angst
Progressive Muskelentspannung - löst verkrampfte Muskeln und beruhigt die Angst
  • Progressive Muskelentspannung
  • Beobachtung des Angstniveaus und lautes Sprechen und Mitteilen der Höhe der Angst in Zahlen von 1 - 10
  • Lautes Sprechen über wichtige Verkehrsbeobachtungen und weitere Vorhaben
  • Entspanntere Sitzhaltung
  • Schweifenlassen des Blicks statt Tunnelblick, wie er bei Panikern oft zu beobachten ist
  • Bewusst langsame, sehr ruhige Bewegungen bei der Autobedienung, beispielsweise beim Schalten
  • Beobachten des "inneren Speichers": Oft ist dieser von der Anstrengung erschöpft, dann ist es wichtig, rechtzeitig Pause zu machen.

Da Paniker oft die - irrige - Meinung haben, die Panik käme schnell, überfallartig, lernte sie, die Panik schon im Vorfeld zu erkennen und zu dämpfen. Was ihr sehr half, war mein Angebot, im Fahrschulwagen jederzeit die Führung des Wagens übernehmen zu können.

Wir sprachen über die Panik. Ich bat sie, diese nicht als böses Gefühl zu sehen, sondern sie irgendwie zu akzeptieren. Und anders herum, von der Panik auch zu verlangen, sie ungestört und verkehrssicher fahren zu lassen. Sozusagen ein Deal mit der Angst.

Michaela war begeistert von den Übungen und lernte fleißig mit. Wir fuhren Autobahnen in Berlin und Umgebung, schließlich auch mit ihrem eigenen Auto.

Auf meinen Rat fuhr sie im eigenen Auto immer mit dem Fahranfängerschild. Das sollte sie ein wenig schützen vor Rasern und Dränglern.

Bei längeren Fahrten merkte sie, dass der Umgang mit der Panik sie immer noch sehr anstrengte. "Die Batterie" war dann sozusagen erschöpft. Sie brauchte etwas Pause. Auch darauf lernte sie zu achten.

Nun fährt sie schon ganz alleine, auch das klappt. Alle Berliner Autobahnen und die Brandenburger Umgebung hat sie schon allein befahren, sicher und in Kontrolle der Ängste.

Was ihr noch fehlt, ist das Überholen von Lkw (dort entsteht noch immer Angst) und höheres Tempo als 100 km/h. Davon erzählt sie auch in ihrem Bericht. Wir haben verabredet, dass sie jetzt erstmal alleine weiterfährt. Später wollen wir uns noch einmal treffen und wegen der zwei benannten Wunschpunkte weiter üben. Dennoch ist das Erreichte für sie riesengroß, denn zu Beginn ging es mit der Autobahn gar nicht! Jetzt fährt sie Autobahn und hat die Panik unter Kontrolle, das Schwierigste ist damit geschafft. 

Alles in allem freue ich mich sehr über Michaelas Entwicklung und ihr Engagement. Zu meiner großen Freude hat sie sich beim Angsthasentreff beteiligt und den Anwesenden von ihren praktischen Fortschritten berichtet. Danke, Michaela!


2. Bericht über die Fahrt an die Ostsee und zurück: Start, Zwischenetappe und Heimweg

Die „Autobahn-Angsthäsin“ M. ist morgens gestartet und erst einmal 6 km in Berlin Steglitz bis zur Tankstelle gefahren. 

Dann ging es los:

 

Vorbereitung für die Urlaubsfahrt an der Ostsee. Das Schild
Vorbereitung für die Urlaubsfahrt an der Ostsee. Das Schild "Fahranfänger" ist dabei
  • „Anfänger-Schild“ am Heck befestigt,

  • die Stadt-Autobahn Berlin in Richtung Hamburg auf der rechten Spur gefahren.

  • "Holzhauser Straße“ in der rechten Spur gefahren (leider die Ausfahrtspur…, dann ohne Panik fast die Autobahn verlassen, aber durch einen „gelassenen“ Spurwechsel doch weiter auf der Autobahn geblieben.

  • Fahrtgeschwindigkeit etwas erhöht und sehr gut ausgehalten, dank der Übungen mit dem Fahrlehrer Herrn M.,

  • Oranienburger Kreuz: 93 und 105,5 km/h

  • Neuruppin: 100 km/h,

Pause auf dem Rastplatz, nach dem ansteigenden Angstgefühl

  • Die  Geschwindigkeit macht auf Dauer ein mulmiges Bauchgefühl, aber mit 80, 90 km/h geht es super weiter, ohne Panik, ohne aufsteigende Hitze, eben: geübt! ´gen Norden. Dann eine kleine Pause auf dem Rastplatz.

Weiterfahrt, keine Panik trotz Drängler

 

Glücklich an der Ostsee
Glücklich an der Ostsee
  • Auf der Weiterfahrt gab es einen weißen Tanklaster vor mir, den konnte ich mit 107 km/h gut überholen und trotz „Anfänger Schild“ hat hinter mir ein Autofahrer aufgeblendet, aber ich hatte keine Panik, keinen Schweißausbruch, ich bin cool geblieben!!

2. Etappe um 12:07 Uhr, Lkw überholt, leichte Panik, gut ausgehalten

  • Die Fahrt auf der Autobahn ging gut mit 100 km/h. Es war sehr wenig Verkehr.

  • Wieder einen Laster überholt mit 108 km/h, dann kam der Schweißausbruch, Kopfschmerz und Mulmigkeit, aber gut ausgehalten, es hat ca. 7 Minuten gedauert, dann war Alles verflogen. Bis 13:10 Uhr weitergefahren und glücklich am Ziel angekommen.

Vor dem Heimweg nach Berlin
Vor dem Heimweg nach Berlin

Heimweg, glücklich

  • Die „Angsthäsin M.“ ist nun wieder auf dem Heimweg! Sie kann Autobahn fahren.