Blue Flower

Mein Umgang mit der Fahrangst

"Mein Mann war zum ersten Mal Beifahrer"

Selbständiges Fahren mit kleinen Hürden

Vorwort: Cordula (Name geändert) kam zu mir in die Angsthasen-Betreuung als große Angsthäsin: Angst vor dem schnellen dichten Verkehr, insbesondere vor Dränglern, Angst vor Beifahrern, Angst davor, die Bedientechnik im Auto nicht zu beherrschen. Ihr Mann hatte sie leider zu Beginn ihrer "Karriere" als Fahrerin zu oft kritisiert. Schließlich vermied sie das Autofahren ganz. Dazu kam eine berufliche Katastrophe, ein Burnout durch vollständige Überlastung, ohne einen Ausweg zu sehen. Immerhin hörte sie damals auf, zu arbeiten - musste aufhören -, und erholte sich in einer Klinik bei psychologischer Betreuung. 

Sie hatte es nicht leicht bei der Betreuung ihrer Fahrangst, immer wieder brachen Ängste und Hektik durch, so dass ich als Angsthasenfahrlehrer helfen musste. Wir arbeiteten hart an einer Situation, deren Bewältigung sie sich selbst gewünscht hatte: Eine Stelle, an der sie sich bergauf in eine stark frequentierte Vorfahrtstraße hinein tasten musste, bei schlechter Sicht. Und hinter uns tauchte manchmal ein eiliger Autofahrer auf, dem das viel zu lange dauerte. Anmerkung: Ein Foto der Situation ist in Arbeit. Sehr hilfreich für sie in dieser Bedrängnis war der Spruch "Cordula, bleib ruhig!" Durch das laute Sprechen wurde gleichzeitig auch der Atem beruhigt. 

langer Weg rückwärts zur DatscheWir übten auch viele andere schwierige Stellen, so dass sie vielseitiger wurde: Parken, enge Wohnstraßen, Fahrstreifenwechsel, große Ampelkreuzungen, Autobahn. Sehr am Herzen lag ihr das Rückwärtsfahren. Ihre "Datsche" war mit dem Auto nur durch einen langen, schmalen Weg erreichbar. Keine Wendemöglichkeit am Ziel, so dass sie am besten gleich rückwärts fuhr. Also übten wir viel Rückwärtsfahren in Sackgassen. 

Sie übte das Rückwärtsfahren zur Datsche aber auch selbst, mit dem familieneigenen Auto. Für mich war das ein neuer Ansatz bei der Betreuung: Mit dem Angsthasenfahrlehrer üben, daneben aber auch schon einfache Strecken mit dem eigenen Auto mitüben und diese Situationen hinterher in den Betreuungsstunden besprechen und eventuell nachüben. 

Während ihrer Betreuung bei mir wurde ihr Mann krank. Er konnte nicht mehr Auto fahren. Abgesehen von der großen Sorge kam nun die Pflicht dazu, ihn ins Krankenhaus und zu allen möglichen Ärzten zu fahren. Ihr Mann, der sie früher beim Fahren kritisiert hatte, war nun froh, dass sie ihn fahren konnte. Auch das Kritisieren hörte auf, für beide sehr wohltuend. Wichtig aber war ihr vor allem, ihre innere Unruhe und Hektik beim Fahren zu mildern. Es wäre geschönt, zu behaupten, die Betreuung hätte ihr Hauptproblem vollständig beseitigt. Aber sie hat jetzt die Möglichkeiten, selbst daran weiter zu arbeiten, und sicher zu fahren.

Mitten in der Betreuung gab es eine Krise. Es gab keine greifbaren Fortschritte mehr, Angst und Hektik nahmen wieder überhand. Da kam ihr die Idee, einfach nur noch in ihrem idyllischen Außenbezirk zu fahren, den Großstadtverkehr zu vermeiden. Ich habe ihr damals geschrieben und sie gebeten, darauf zu schauen, was wir schon erreicht hatten, und weiter zielstrebig zu bleiben. Gott sei Dank war sie sofort wieder dabei und arbeitete zielstrebig weiter mit mir. Was sie jetzt erreicht hat, ist gut, darauf kann sie bauen. 

Danke für Deine Berichte, Cordula! und gute Besserung für Deinen Mann.

 Frank Müller


20.01.2017 

Lieber Herr Müller, 

danke für die Info … 

Heute kann ich wieder von einem kleinen Erfolg berichten: bin mit meinem Mann (als Beifahrer !!!) zum Einkaufen gefahren. Vorab hatte ich ihn gebeten, jegliche Einmischung „runterzuschlucken“ und eventuelle Hinweise oder Kritik erst im Nachhinein mit mir zu besprechen. Aber,  was soll ich sagen, er war mit mir mehr zufrieden als ich selbst. Ich hatte beim Anfahren in eine Linkskurve in die B2 (reichlich viel Verkehr) und dann später nochmal beim Anfahren zu viel Gas gegeben und den Motor aufheulen lassen … die Knie haben irgendwie gezittert … habe mir laut zugeredet und die Strecke letztlich gut absolviert.  

Viele Grüße und ein schönes Wochenende für Sie und Ihre Frau 

Cordula


14.01.2017

 Lieber Herr Müller,  

entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie nicht vergessen … war einfach etwas Streß um die Augen-OP meines Mannes; er hatte eine so furchtbare Angst, daß er die ganze Familie verrückt gemacht hat … aber der Reihe nach: 

Zuerst möchte ich Ihnen und Ihrer Familie ein gutes, erfolgreiches Jahr mit ganz viel Gesundheit wünschen. 

Dann kann ich Ihnen mitteilen, daß mein Mann die Augen-OP sehr gut überstanden hat. Die Augenärztin hat ihm bei der Nachuntersuchung schon eine 90%ige Sehfähigkeit bestätigt (Hin- und Rückfahrt vorerst mit dem Taxi). Allerdings muß er nun den Heilungsprozess über sich ergehen lassen. Die nächste OP im Februar wird er dann aber viel ruhiger angehen können. 

In dem ganzen Weihnachts- Jahreswechsel- und OP-Durcheinander bin ich selbstverständlich regelmäßig mit dem Auto unterwegs gewesen. Ich mußte mit der Katze noch einmal zum Tierarzt, bin auch in der Woche (und nicht nur am Sonntagmorgen) zu meiner Mutter gefahren und habe eine „Testfahrt“ zum Augenarzt unternommen. Das Wetter war mit Schnee und Eis nicht so günstig und ich war auf der Strecke durchs Dorf nicht ganz sicher. Es ist nichts passiert, ich war langsam hin und zurück gut unterwegs … diverse Abbiegungen links mit und ohne Ampel . So ganz war ich mit mir nicht zufrieden und die nächste Testfahrt steht an. Da mein Mann in der nächsten Zeit nicht Autofahren darf, wird es weitere Bewährungsproben geben, die ich mit Ruhe angehen und von denen ich selbstverständlich berichten werde. Fotos von unserer langen Grundstückseinfahrt hänge ich hier schon mal an. 

Nun wünsche ich Ihnen eine angenehme Zeit, nur nette (!) Angsthasen und verbleibe mit vielen lieben Grüßen bis zum nächsten Streckenbericht  

Cordula, nicht mehr so dolle Angsthäsin

"Am Anfang war es Quälerei..."

Email-Korrespondenz mit einer ehemaligen Angsthäsin über ihre Schwierigkeiten beim Alleinfahren

Die folgende Korrespondenz über ein halbes Jahr lang zwischen mir und einer ehemaligen Angsthäsin soll Ihnen einen Blick verschaffen für die Schwierigkeiten, die nach der Betreuung beim Alleinfahren in der alltäglichen Verkehrsrealität auftauchen. Es geht dabei um Landstraßen, Stadtverkehr, Autobahn, einen rücksichtslosen Nachbarn, der mit seinem Wohnmobil die Ausfahrt versperrt. 

Am wichtigsten ist die innere Entwicklung, die unsere Heldin durchlebt. Denn sie kämpft sich mit  unglaublicher Zähigkeit durch viele Tiefs und Zweifel. Manchmal ist die Rede sogar von "Wut", als es gar nicht mehr weiter geht. Ich habe damals versucht, dem Begriff eine positive Wendung zu geben, und die Wut in "Mut" umbenannt. Und doch ist es richtig, dass auch Wut mal produktiv sein kann. Jedenfalls dürfte die Lektüre dieser Berichte für viele, die sich fragen, was hinterher auf sie zu kommt, von großem Interesse sein. Insofern hat auch die Angsthäsin nach einigen Bedenken der Veröffentlichung zugestimmt. 

Ihren Namen habe ich geändert. Einige Bilder stehen noch aus, die will sie schicken. Soweit ich aus meinen Bildverzeichnissen aushelfen kann, tue ich das. Ihren Namen habe ich geändert. Sie müssen die einzelnen Emails zeitlich rückwärts lesen, die neuesten kommen zuerst. 

Frank Müller