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Die "sieben" ist eine schöne Zahl

In sieben Schritten die Angst vor dem Autofahren kontrollieren und mildern

Die Angst hat Schutzfunktion. Sie schützt Ihr Leben und Ihre Gesundheit. Daher geht es hier nicht darum, sie irgendwie wegzukriegen oder sie schlecht zu machen. Manchmal blockiert sie uns allerdings angesichts der eigentlich harmlosen Situation in Gestalt extremer Angst. Und darum geht es hier: Extreme, nicht angemessene Angst zu kontrollieren und zu mildern.

"Mein Hundchen tut nichts"

Schäferhund im Zwinger
Schäferhund im Zwinger - ist der nicht süß?

Denken Sie an folgende Situation: Ein Schäferhund hat sich von seinem Herrchen losgerissen und rennt auf Sie zu. Jetzt haben Sie große Angst, angesichts der Situation durchaus angemessen.

Sie wollen davonlaufen. Die Reaktion ist von der Natur aus so gewollt. Wir können diese Angst nicht einfach "wegmachen", dafür ist sie für das Überleben zu wichtig. Wir können aber sehr wohl lernen, Sie mit Verstandesmitteln zu kontrollieren. Wir wissen, dass wir durch Weglaufen den Hund wahrscheinlich zur Verfolgung und Aggression reizen würden. Daher bleiben Sie besser stehen, bis das Herrchen eintrifft und das unvermeidliche "der tut nichts" ausspricht.

Wer an Fahrangst leidet, beispielsweise beim Einfahren in die Autobahn, wird genauso wie im vorigen Beispiel von der Angst überwältigt. Er sieht im Einfahrvorgang Todesgefahr. Oft glauben die Betroffenen, niemand lasse sie rein. Oder, wenn sie auf dem Einfädelungsstreifen scharf bremsen müssten, sei ein schwerer Auffahrunfall unvermeidlich. Das sind Fälle von extremer Angst, bei denen der Anlass eigentlich viel harmloser ist als im Beispiel des Schäferhundes. Denn die Autobahn ist eigentlich unsere sicherste Straßenart.

Doch die Abläufe im Inneren sind dieselben wie bei der Begegnung mit dem Schäferhund, und auch die Mechanismen der Angstkontrolle. Und wie im Falle des Schäferhundes können wir lernen, den Verstand einzuschalten, um die schweren Angstgedanken einer Todesgefahr zu mildern und die Reaktionen besser zu beherrschen.

Drei Schritte der Angstbewältigung

Die Angst äußert sich grundsätzlich in drei Aspekten des körperlich-geistigen Geschehens:

  1. Extreme körperliche Symptome, Beispiele: Starkes Herzklopfen, keuchendes Atmen, Schwitzen, Muskelkrampf, Konzentrationsschwäche
  2. Schwere, blockierende Angstgedanken, Beispiel Autobahneinfahrt: "Niemand lässt mich herein fahren, ich schaffe es nicht, es gibt einen tödlichen Unfall."
  3. Ungewöhnliches Fehlverhalten, Beispiel Autobahneinfahrt: Blindes, hektisches Reinziehen in die Hauptfahrbahn, plötzliches starkes Bremsen auf dem Einfädelungsstreifen

Umgekehrt können Sie die Angst auch wohltätig beeinflussen, wiederum nicht direkt, aber sehr wohl durch Einflussnahme auf die genannten Aspekte:

 

Das Angstgefühl lässt sich beeinflussen durch die gemilderte Symptome, freundlichere Gedanken und Übungen im Umgang mit Fehlern
Das Angstgefühl lässt sich beeinflussen durch die gemilderte Symptome, freundlichere Gedanken und Übungen im Umgang mit Fehlern
  1. Sie mildern die extremen körperlichen Symptome durch Entspannungsübungen. Beispiel: Muskelverkrampfung, dieser lässt sich gut durch progressive Muskelentspannung auflösen
  2. Sie konfrontieren die schweren, blockierenden Angstgedanken mit freundlicheren, realistischen Ansichten: "Andere helfen Dir bei der Autobahneinfahrt. Du lernst Deine Möglichkeiten kennen, kannst es schaffen."
  3. Sie fahren in die angstauslösende Situation hinein, sie arbeiten am Ihrem Verhalten und Ihrem Fehlverhalten, lernen alternative Möglichkeiten zur Bewältigung der Situation kennen.

Warum gerade sieben Schritte?

Bei der Diskussion dieser drei grundsätzlichen Schritte für unsere Ratgeber "H.J. Ruhr u. F. Müller: Keine Angst mehr hinterm Steuer" kamen wir zum Schluss, den letzten, dritten Schritt durch mehrere Zwischenschritte zu konkretisieren. Es geht hier um Fahrangst, und wir wollten mehr über die Praxis der Fahrangstbewältigung schreiben. Wir haben aus diesem Schritt dann konkret vier Zwischenschritte gemacht. Dazu kam noch ein grundsätzlicher Schritt zu Beginn, so dass wir ingesamt sieben Schritte bei der Bewältigung der Fahrangst empfehlen.

Was noch für die Zahl sieben spricht:

  • Man kann sich bei der Anzahl sieben die einzelnen Punkte noch ganz gut merken, darüber hinaus wird es schwer
  • Für viele Menschen ist sieben die Lieblingszahl
  • In vielen alten Geschichten spielt die Zahl sieben eine Rolle: In sieben Tagen erschuf Gott die Welt, die sieben Weltwunder, das Märchen von den sieben Zwergen

Jedenfalls empfehlen wir jetzt sieben Schritte zur Bewältigung der Fahrangst. Die einzelnen Schritte spielen bei den unterschiedlichen Ängsten und vor allem bei den vielen unterschiedlichen Menschen mit Fahrängsten eine unterschiedliche Rolle. So heißt der 4. Punkt Auffrischung. Jemand, der 20 Jahre lang nicht mehr gefahren ist, braucht diesen Schritt. Auf der anderen Seite steht jemand mit Autobahnpanik, der munter im Stadtverkehr mitschwimmt, mit dem Auto zu den Betreuungsstunden kommt. Der braucht sicher keine Auffrischung, wahrscheinlich nicht einmal fürs Autobahnfahren. Es geht vor allem um die Bewältigung der Panik.

Manche Schritte helfen sofort, sind aber nicht so nachhaltig wie andere. Damit meine ich die Entspannungsübungen. Sie können zumindest die Angstspitzen abbauen, die in Momenten großer Belastung die Vernunft rauben. Andere, wie Gespräche über Angstgedanken, helfen eher langfristig. Fehlerkorrektur-Übungen geben Mut im Umgang mit dem Auto. In der Praxis hat es sich bewährt, mit einfachen, schnell wirkenden Bewältigungsmöglichkeiten anzufangen, sprich mit Entspannungsübungen und dem langsamen, sehr vorsichtigen Angsthasenfahrstil.

Die sieben Schritte geben ein gewisses Ablaufschema bei der Betreuung der Fahrängste vor. Andererseits sind die Probleme der Angsthasen so vielfältig, dass sich erst nach einigen Gesprächen und Betreuungsfahrten eine eine vernünftige Zusammenstellung und Anpassung der sieben Schritte an diese Menschen finden lässt.

Ratgeber Keine Angst mehr hinterm Steuer
Ratgeber "Keine Angst mehr hinterm Steuer"

Im folgenden zitieren wir die sieben Schritte der Bewältigung von Fahrangst sinngemäß aus unserem Ratgeber. Dort sind sie schon an Beispielen erläutert und an die vielen Problemfälle der Fahrängste angepasst.

Und hier sind die sieben Schritte der Angstbewältigung mit Beispielen

  1. Ängste ernst nehmen.
    Dafür ein negatives Beispiel: Eine junge Frau vertraut sich einem Fahrlehrer an. Sie habe zwar den Führerschein, aber schreckliche Angst davor, auf die Autobahn zu fahren. Beim Einfahren könnte ein furchtbarer Unfall passieren. Der Fahrlehrer fährt mit ihr los, sofort Richtung Autobahn. Mit allen Zeichen des Entsetzens bremst sie auf dem Beschleunigungsstreifen. Er befiehlt ihr barsch, alles loszulassen und fährt alleine auf die Autobahn: "Siehst Du, so geht das!" Darauf verlässt sie an der nächsten Kreuzung weinend das Auto.Ängste ernst nehmen heißt vor allem, mit den Betroffenen zu reden und eine Bestandsaufnahme zu erstellen. In die angstauslösende Situationen darf nur Schritt für Schritt gefahren werden, unter Entspannung. Wir benutzen für diesen Zweck kombinierte Ein- und Ausfahrten der Autobahn.
  2. Ängste laut benennen. Extreme körperliche Symptome durch geeignete Entspannungsübungen mildern.
    Lautes Sprechen und Benennen der Ängste normalisiert den Atem, holt den Verstand zurück und objektiviert die Angelegenheit wieder etwas. Gezielte Entspannungstechniken mildern die körperlichen Symptome: Beispielsweise kann man verkrampfte Muskeln gut durch die Methode der progressiven Muskelentspannung wieder lösen. Das klappt gut auch in einer Fahrpause oder bei Geradeausfahrt.

  3. Blockierende Gedanken auflösen.
    Mit der jungen Frau, die Angst hat vor der Autobahn, führen wir Gespräche über Gefahren auf der Autobahn, aber auch über die Gefahrlosigkeit der Autobahn. Wir stellen uns auf eine Brücke, die über die Autobahn führt und beobachten das Verhalten der Autofahrer gegenüber den Einfahrenden. Das ist meist völlig anders, als sich diese Angsthäsin eigentlich vorstellt, nämlich unfallvermeidend. Wir reden bei unserer praktischen Arbeit nie von "Fahrstunden", sondern von Betreuungsstunden. Denn das Hauptziel liegt nicht im Erlernen von Auto- und Verkehrstechniken, sondern im Abbau von Ängsten. Und dafür muss natürlich gesprochen werden.

  4. Fahrfähigkeiten wieder auffrischen.
    Viele Angsthasen haben vor Angst jahrelang das Fahren vermieden. Zwar sind die alten Fähigkeiten nicht vergessen, jedoch beim Fahrbetrieb nur mit Mühe zu aktivieren. Unzweifelhaft müssen wir in diesem Falle auch tüchtig lernen: Wie fahre ich sehr langsam, wie fahre und lenke ich rückwärts, wie parke ich ein, wie verhalte ich mich an komplizierten Kreuzungen? Hier muss wieder Routine einziehen, sonst bilden sich neue Ängste. Wenn ich gut schalten kann, dann achte ich auf den Verkehr und schiele nicht ängstlich nach unten, ob der Schalthebel auch gewiss in der richtigen Position steht. Umgekehrt kann aber auch noch so gute Routine schwere Ängste nicht beseitigen. Das kann ich beinahe jeden Tag besichtigen bei den Autobahnpanikern. Sie kommen mit dem eigenen Auto an, fahren seidenweich und verkehrssicher - dennoch haben sie Angst vor ihrer Panik.

  5. Angsthasenfahrstil pflegen.
    Zu Anfang empfiehlt es sich dringend, einen Angsthasenfahrstil zu pflegen, wodurch die Betroffenen endlich wieder zur Ruhe kommen. Wir fahren langsam, sehr, sehr vorsichtig, sehr verzichtend. Dadurch können wir alle Informationen, die sonst unterschiedslos auf uns einprasseln, in Ruhe bewerten und vor allem richtig entscheiden. Vorher gab es bei schnellem Fahrstil eher Angst und Zufallsentscheidungen, die die Angst eher vergrößerten. Und woher kommt der schnelle Fahrstil, den die Angsthasen eigentlich gar nicht mögen? Sie lassen sich ängstlicherweise von anderen drängeln und treiben. Wer den Angsthasenfahrstil pflegt und ruhig und sicher fahren will, muss sich also gleichzeitig entscheiden, andere etwas zu behindern. Das ist aber das weit kleinere Übel, als zu schnell zu fahren, überfordert zu sein und in gefährliche Situationen zu schliddern.

  6. Das Vermeiden vermeiden. In angstauslösende Situationen fahren.

    Kombinierte Ein- und Ausfahrt der Autobahn
    Kombinierte Ein- und Ausfahrt der Autobahn

    Wer vor der Autobahn Angst hat, soll auch auf die Autobahn fahren und damit umgehen können - aber nach gründlicher Vorbereitung und so, dass der Verstand eingeschaltet bleibt. Nur wer sich mit seinen Ängsten konfrontiert hat die Chance, damit umgehen und diese mildern zu können. Da der Fahrer am Steuer aber immer vernünftig bleiben und auf die Verkehrssicherheit achten muss, dürfen wir die Konfrontation nicht übertreiben, wir dürfen die Betroffenen nicht mit Ängsten überfluten. Daher achten wir auf Entspannungstechniken, wir achten darauf, dass laut und vernünftig gesprochen wird Und wir achten darauf, dass immer Alternativen zur Verfügung stehen. So wie im Falle der vorhin angesprochenen Autobahn - am Anfang immer auf der kombinierten Ein- und Ausfahrt. Wir üben auch, den Seitenstreifen der Autobahn zu benutzen, damit im Notfall nicht schwere Fehler passieren. Ein wichtiges Feld angstauslösender Situationen sind Fehler, beispielsweise das Abwürgen des Motors bei Ampel Grün mit nachfolgender Behinderung anderer Autofahrer. Auch solche Situationen sollten wir üben, also nicht nur das richtige Verhalten , sondern auch die Fehlersituation und die nachfolgende Beruhigung und Korrektur des Fehlers.

  7. Selbständiges Fahren.
    Selbständiges Fahren im dichten Verkehr ohne Hilfe durch einen Beifahrer ist für die meisten die größte Belastung. Daher wollen wir

    Autobahntunnel, nasse Fahrbahn, Betreuung im selbständigen Fahren
    Autobahntunnel, nasse Fahrbahn, Betreuung im selbständigen Fahren
    gerade diese Angstsituation intensiv üben. Beinahe alle Angsthasen fürchten das selbständige Fahren. Dazu kommt noch eine Minderheit von gerade fertigen Fahrschüler/innen, mit frischem Führerschein. Auch sie scheitern an dieser Hürde. Denn obwohl die Fahrschülerausbildung in Deutschland ein hohes Niveau besitzt, wird diese so wichtige Etappe in der Ausbildung nie geübt. Ein ganz kleiner Teil gibt auf. Wieder andere fahren zwar nach dem Führerschein weiter, aber nur in Begleitung von Partnern, und dennoch gleichzeitig unsicher. Das selbständige Fahren erfordert nicht nur Fahrfähigkeiten, die in einer Testfahrt mit dem Fahrschulauto nachgewiesen werden können. Darüber hinaus übernehmen diese Menschen Verantwortung für sich und andere, was sie sehr belastet. Beim selbständigen Fahren fahren wir mit im eigenen Auto der Betroffenen, greifen jetzt nicht mehr ein, sondern können höchsten raten.