Autobahn fahren ohne Panik – seit 12 Jahren mein Ziel

12 Jahre lang vermeidet Kerstin die Autobahn – wegen der Angst vor einer Panikattacke. Jetzt hat sie die Angst hinter sich. Kein Zwang mehr – herrlich!

Interview mit der ehemaligen Angsthäsin Kerstin Weise 

Vorbemerkung:
Kerstin Weise (Name, berufliche und Ortsdaten von mir geändert) macht den Führerschein, fährt hinterher gerne mit dem Auto: Im Stadtverkehr, auf der Autobahn, beruflich, im Urlaub, wie es gerade nötig ist. Als Architektin ist sie auf das Auto angewiesen. Im Urlaub löst sie ihren Mann beim Fahren ab. Doch dann erleidet sie bei einer abendlichen Autobahnfahrt eine Panikattacke. Und nichts bleibt so, wie es war. Sie probiert es noch ein paar mal mit der Autobahn, dann gibt sie auf. Die Angst ist stärker. Wenigstens im Stadtverkehr kann sie noch fahren. Dann die rettende Idee: Ich gehe zur Angsthasenfahrschule! Dort ging es dann relativ schnell.

Definition: Panikattacken: (Aus unserem Ratgeber: Keine Angst mehr hinterm Steuer. S. 167).

“Panikattacken sind plötzliche, heftige Angsterlebnisse, die schwere, körperliche Angstreaktionen auslösen. Treten diese häufiger auf und beeinträchtigen Sie die Lebensführung, dann spricht man von einer Panikstörung. Treten die Attacken vor allem in bestimmten Situation auf (Autobahn, Bahn, Supermarkt), dann werden diese Situationen gemieden. Die Betroffenen haben Angst vor neuen Angstanfällen, entwickeln eine überängstliche Erwartungshaltung (‘Beim nächsten Panikanfall werde ich ohnmächtig’) und beobachten ihren Körper übergenau.”

Frank Müller, Angsthasenfahrlehrer
Kerstin Weise, ehemalige Angsthäsin mit Angst vor Panik auf der Autobahn

Bei den Autobahnfahrten halte ich Pausen ein

Frau Weise, vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht und von Ihren ersten Alleinfahrten berichtet haben. Ich habe mich jedes Mal gefreut, dass es inzwischen so gut klappt. Ich weiß von vielen anderen Angsthäsinnen, dass solche Fahrten immer ein bisschen Mut und Erfahrung im Umgang mit der Angst erfordern. Welche Regeln und Tipps beachten Sie denn für sich selbst, damit Sie wohlbehalten ans Ziel kommen? Unsere Surfer/innen dürfte das sehr interessieren. 

Bei einer längeren Fahrt, beispielsweise von Berlin nach Dresden, achte ich darauf, wenigstens zweimal etwa eine halbe Stunde Pause einzuhalten. Würde ich durchfahren ohne Pause, dann, so glaube ich, wäre ich anfällig für die alten Ängste: Unruhe, Unwohlsein, Herzklopfen, schlechte Konzentration, Unsicherheit. Ich kenne die Parkplätze. Außerdem fahre ich mit Navi, daher sehe ich rechtzeitig, wann die nächste Ausfahrt kommt.

Pausen einzulegen bei längeren Fahrten, das kann ich nur empfehlen. Wie oft fahren Sie denn überhaupt Autobahn, um sozusagen “in Übung” zu bleiben? So ähnliche Fragen werden immer wieder von Angsthäsinnen gestellt. Da kann ich nur auf Erfahrungen ehemaliger Angsthäsinnen verweisen.

Eine längere Strecke, beispielsweise von Berlin nach Chemnitz, fahre ich alle zwei Wochen Das ergibt sich beruflich so. Zwischendurch bin ich im Schnitt zweimal in der Woche auf der Autobahn, aber nur für eine kürzere  Strecke. Wenn ich sehr viel weniger fahre, habe  ich das Gefühl, das Unwohlsein würde sich wieder langsam einschleichen.

Jetzt haben wir ein paar Zahlen. Aber heißt das, dass sie so weiter üben müssen, sonst passiert wieder etwas Schlimmes?

Na ja, so ist es nicht. Aber wenn ich am Anfang bin, muss ich schon einigermaßen regelmäßig üben, auch in in der Bewältigung meiner Ängste. Ich nehme an, später kann ich das lockerer angehen.

Ich finde es in Ordnung, dass Sie jetzt am Anfang noch so gewissenhaft trainieren. Sie haben es so schnell und gut geschafft. Das fand ich schon sehr erfreulich. Nun muss sich die Sache mit der Angstbewältigung noch mehr einschleifen. Wenn die Angst mal wieder kommt, dann kommt Sie halt. Sie setzen dann die Mittel ein, die Sie bei mir gelernt haben. Welche Hilfe haben Sie denn sonst noch? 

Das Navi, ein treuer Begleiter?

Ich benutze sehr gerne das Navi. Das heißt ganz konkret, mein Smartphone mit Google Maps. Ich habe es im Auto in eine Halterung geklemmt. es zeigt mir den  Weg an. Eine nette Frauenstimme weist mich vorher darauf hin, wenn ich abbiegen muss, oder wenn eine komplizierte Autobahnführung kommt. Ich benutze das Navi sogar bei Stadtfahrten, bei denen ich mich eigentlich gut auskenne. Es ist einfach ein treuer Begleiter, der mit mir spricht. Ich fühle mich nicht mehr allein am Steuer.

Das hört sich ja lieb an. Die Hersteller der Navi-Programme wählen Menschen mit Stimmen aus, die vertrauenswürdig herüber kommen. Das Navi ist sicher ein guter Helfer bei der Orientierung. Dennoch bin ich ein bisschen skeptisch. Das Internet ist voll von Geschichten, wie Leute durch ein Navi in die Irre geführt wurden. Auch das kann wieder irreführend sein. Ich wäre einfach ein bisschen skeptischer. Eine Angsthäsin hat mir erzählt, dass sie in Ihrem Navi eingestellt hatte “Autobahn vermeiden”. Darauf führte sie das Navi prompt auf die Autobahn. Das Navi kann mal ausfallen, auch wenn Sie im Auto den Akku immer aufgeladen bekommen. Ich würde immer zusätzlich auch schlicht und einfach vor der Abfahrt eine Karte studieren. Probieren Sie doch mal eine Stadtfahrt ohne Navi, in einer Gegend, in der Sie sich gut auskennen. Meinen Sie, das geht? Wenn Sie gerne Unterhaltung bei der Fahrt haben, dann tut es vielleicht auch ein seriöses Radio-Programm. 

Schild FAHRANFÄNGER

Ich werd’s versuchen. Der Tipp mit der Karte ist gut. Ich habe noch etwas zur meiner Hilfe: Ich fahre nur mit dem von Ihnen empfohlenen Schild FAHRANFÄNGER. Ich kann in Ruhe etwas langsamer fahren. Natürlich bleibe ich rechts. Niemand hat besondere Erwartungen an mich. Im Gegenteil, alles zieht schnell an mir vorbei. Aber ich glaube ich werde es in den kommenden Monaten schaffen, ohne das Schild zu fahren.

Vorgeschichte: Wie kam es zu der Panik?

Ich finde das Schild FAHRANFÄNGER für den Anfang allein sehr beruhigend. Ich habe nur Gutes darüber gehört.

Nun ein anderes Thema. Die Mehrheit der Autofahrer liebt die Autobahn. Man kommt schnell voran, die Autobahn gilt als sehr sicher. Pro gefahrenem Kilometer passieren relativ wenige Unfälle. Die Autobahn ist gefahrlos gebaut, es gibt keine Kreuzungen, keinen Gegenverkehr, mehrere Fahrstreifen. Kurven, Steigungen oder Gefälle sind gemäßigt, daher kann man sich beim Schnellfahren einigermaßen entspannen. Die Leute verstehen es nicht, wenn ich von Menschen erzähle, die Angst vor Panik auf der Autobahn haben. Können Sie das erklären, was an der Autobahn so schlimm sein soll?

Auf der Autobahn herrscht Fahrzwang, es gibt keine Ruhemöglichkeit.

Es ist das hohe Tempo, das dort herrscht. In meiner Situation kann sich das schlimm auswirken. Mir wird vielleicht übel, ich bekomme Herzklopfen, atme heftiger, werde sehr unsicher, fürchte einen Unfall, habe noch mehr Angst. Obwohl mir sehr unwohl ist, muss ich auf der Autobahn immer weiter fahren. Ich habe keine Ruhe, kann nicht anhalten, mich beruhigen. Es ist der Fahrzwang, der mich weiter treibt, obwohl ich wegen meiner Panik dringend eine Pause benötige. Im Stadtverkehr dagegen finde ich überall ein Plätzchen, falls es mit der Panik losgehen sollte. Aber da habe ich auch keine Panik.

Das heißt, wenn Sie sich etwas wünschen würden bei der Autobahn…

…dann wären das ganz, ganz viele Parkplätze.

Diese würden Sie wahrscheinlich nicht nicht einmal benutzen, diese wären lediglich zur Beruhigung da. Aber die Angst vor einer Panik wäre dann weg?

Weiß ich nicht, ausprobieren. Wahrscheinlich ja.

Nun mal wieder ernsthaft: Wie war es mit Ihrem Führerschein und der Zeit danach?

Ich habe meinen Führerschein vor vielen Jahren in Dresden gemacht. Sofort bestanden. Die Zeit danach war in Ordnung. Ich bin gerne Auto gefahren, auch auf der Autobahn. Angst hatte ich keine. Das ging jahrelang so.

Die erste Panikattacke – abends auf der Autobahn. Viel Verkehr, ich werde pausenlos überholt

Wann begann es mit der Panik? Was ist da passiert? 

Es war abends, ich fuhr von Dresden nach Gera. Die Strecke war stark befahren. Pausenlos wurde ich überholt, teilweise sehr schnell, mit und ohne Licht. Plötzlich merkte ich, dass mir unwohl wurde. Ich verkrampfte mich, spürte mein Herz klopfen und atmete schneller. Ich hatte das Gefühl, ich bekomme keine Luft mehr. Die Konzentration ging weg, ich fühlte mich wie hilflos. Ich schaffte es mit Mühe, mich zusammen zu  reißen, fuhr langsamer, das half ein bisschen. Zum Glück kam bald eine Ausfahrt. Von da an fuhr ich auf der Landstraße weiter. Später habe ich es noch zweimal auf der Autobahn versucht, beide Male mit schlechtem Ergebnis. Seither meide ich die Autobahn konsequent. Das wollte ich nicht mehr erleben! Ich hatte natürlich auch Angst vor einem Unfall. Den wollte ich auf keinen Fall riskieren.

Die Situation abends auf der Autobahn, die Sie schildern, mit den vielen Autos um sie herum und ihren Lichtern, die ist vielleicht etwas unangenehm, aber eigentlich nicht so bedrohlich. So sehe ich das als geübter Autofahrer. Dennoch hatten Sie Angst, sogar Panik. Das war unsere Ausgangslage. Dennoch – wie lässt sich die heftige Angstreaktion verstehen? Wie sehen Sie Ihr Erlebnis jetzt in der Rückschau?

Ja, mein Erlebnis auf der Autobahn klingt jetzt in der Rückschau nicht gerade schrecklich. Aber ich hatte wirklich große Angst. Wahrscheinlich hat sich die Angst dann hochgeschaukelt, wurde immer heftiger. Später hatte ich nur noch Angst vor der Panik, dass sie plötzlich wieder kommt.

Ihr Verstand und Ihr Angstgefühl haben die Situation wahrscheinlich als viel zu gefährlich interpretiert. Dadurch hat sich das, wie Sie bemerkt haben,  “hochgeschaukelt”, es gab eine heftige körperliche Angstreaktion. Als Sie es dann wieder auf der Autobahn versuchen wollten, hatten Sie heftige Angst vor einer Wiederkehr der Panik. Da war die Sache schon gelaufen und verfestigt. Wie viele Jahre meiden Sie inzwischen die Autobahn, aus Angst vor einer Panik? 

Angst vor weiterer Panik auf der Autobahn

Ich habe bis heute die Autobahn insgesamt 12 Jahre lang vermieden, aus Angst vor einer weiteren Panik. Es war nicht nur die Angst vor der Panik, sondern vor den Folgen – schwere Fehler am Steuer infolge einer Panik, womöglich ein Unfall. 12 Jahre sind eine lange Zeit. Wir zogen nach Berlin, ich arbeite bis heute teilweise in Chemnitz. Die Fahrt mit Bus und Bahn dorthin ist mühsam, vor allem, wenn ich meine Unterlagen mitschleppen muss.

Ich lobe Sie jetzt mal ausdrücklich, denn Sie haben wegen Ihrer Panikangst Verantwortung gezeigt. Sie sind nicht mehr Autobahn gefahren. Wie ging es weiter?

Ich wollte dem Zwang der Angst entkommen. Zuerst machte ich eine Therapie, Verhaltenstherapie. Ich litt zusätzlich noch an Höhenangst. Die Therapie brachte mir aber nicht so viel, vor allem wegen der Angst vor Panik auf der Autobahn. Ich habe die Therapie dann abgebrochen.

Über Verhaltenstherapie habe ich bis jetzt viel Gutes gehört. Ich lege Wert auf Zusammenarbeit mit den Therapeuten. Aber es hat eben nicht für Sie gepasst. Ich würde Ihnen empfehlen, die Therapie zu Ende zu bringen. Eine Frage: Wie haben Sie mich gefunden?

Es ging ganz schnell. Ich wusste, dass eine Zeitschrift über Sie berichtet hatte. Im Internet fand ich Sie gleich.

Was ist Ihr Ziel? Bescheiden, realistisch, Traumziel?

Nun haben Sie es geschafft, Sie fahren allein auf der Autobahn, die Angst ist gut unter Kontrolle. Das ist schön. Nun sollten wir noch über Ihre weiteren Ziele sprechen: Sie haben schon so etwas erwähnt – sie wollten nicht mehr unter dem Zwang der Angst stehen. 

Als ich beim Angsthasentreffen war und die erste Betreuungsfahrt mit Ihnen glücklich geschafft habe, war ich noch ganz bescheiden: Ich wollte schlicht und einfach wieder auf der Autobahn fahren können, nach Dresden, Chemnitz, Gera, vielleicht im Urlaub mal an die Ostsee.

 So bescheiden ist das gar nicht. Es gehört zu Ihren Zielen. Aber, wenn Sie jetzt auf der Autobahn fahren – was ist mit der Angst, spielt die noch eine Rolle?

Ja, die Angst spielt noch eine Rolle, das muss man sich eingestehen. Die damaligen Erfahrungen auf der nächtlichen Autobahn und mein Unwohlsein haben sich tief einprägt. Ich kann jetzt nicht einfach so frei, locker, ohne nachzudenken, fahren. So, wie früher. So, wie früher zu fahren, das wäre ein Traumziel. Ich weiß nicht, ob das erreichbar wäre?

Was ist denn mit der Angst, die noch immer eine Rolle spielt? 

Ja, ein bisschen ist die Angst immer noch ein bisschen da, im Hintergrund. Dass die Panik mich wie damals auf der Autobahn plötzlich erwischt, dass sich die Sache hochschaukelt, ich beinahe die Kontrolle verliere. Aber ich habe durch Ihre Betreuung einige Möglichkeiten dagegen! Das macht mich zuversichtlich.

Das sehen Sie richtig. Die Angst ist noch ein bisschen im Hintergrund da. Aber im Gegensatz zu früher wissen Sie jetzt, wie Sie mit Ihr umgehen können. Das ist dann  anders als früher. Sie können jetzt mit der Angst leben. Ein Trost. Könnten wir das Ziel so beschreiben: Ich fahre gerne auf der Autobahn. Die Angst ist ein bisschen dabei. Aber ich kann jederzeit mit ihr umgehen, kann sie kontrollieren, “plötzlich” wird sie schon gar nicht kommen. Daher fahre ich ruhiger und sicherer?

Ja, das trifft es gut. Manchmal fahre ich streckenweise sogar, ohne an die Angst zu denken. Das gefällt mir. Wenn es immer so wäre, ein Traum! Einfach so fahren, ohne an die verflixte Angst zu denken.

Jetzt haben Sie schon mehrere Ziele, von realistisch und konkret bis zum Traumziel. Klingt gut!

Angsthasenbetreuung – Angsthasentreffen

Wir sollten noch über Ihre Eindrücke während der Angsthasenbetreuung sprechen. Waren Sie beim Angsthasentreffen?

Ja. Dort hat es mir gut gefallen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht allein bin mit meiner Angst. Überhaupt war die Stimmung unter den Teilnehmerinnen sehr mitfühlend. Das tat mir gut. Sie als Angsthasenfahrlehrer haben uns kompetent über den Ablauf der Betreuung informiert. Ich merkte sofort, dass Sie die Ruhe weg haben. Das hat mich letztlich überzeugt.

Angstbewältigung konkret – Rettungsmaßnahmen

Wir haben zu Beginn der Betreuung mit dem Fahrschulwagen viel über Rettungsmaßnahmen beim Auftreten und zur Abwehr von Panikattacken gesprochen. Wir haben nicht nur gesprochen, sondern diese auch, soweit es möglich war, geübt. Damit sollte die Angst vor der Panik schon mal ein bisschen ihren Schrecken verlieren. Denn Sie wären ja vorbereitet und könnten sich im Notfall helfen. Ich will hier nur ein paar der wichtigsten Rettungsmaßnahmen aufzählen. Sie können inzwischen aufgrund Ihrer Erfahrungen bei den Alleinfahrten kommentieren, wie weit Ihnen die entsprechende Maßnahme weiter hilft: 

Sie haben die nächste Ausfahrt im Kopf (Autobahnweigweiser, Kartenstudium oder Navi).

An diese Möglichkeit denke ich immer. Leider sind die Ausfahrten manchmal sehr weit entfernt. Dann müssen andere Maßnahmen her.

Sie machen rechtzeitig eine Pause (Hinweis auf Autobahnparkplatz, Kartenstudium oder Navi), oder verlassen die Autobahn über eine Ausfahrt.

Eine meiner liebsten Rettungsmaßnahmen. Ich kenne alle Autobahnparkplätze auf meiner Strecke. Natürlich auch die Ausfahrten, um auf eine ungefährliche Landstraße zu kommen.

Sie studieren den Seitenstreifen, ob er schön breit ist. Dazu sollten Sie noch ein paar Punkte erklären, für die unsere Surfer/innen.  Letztlich ist hier alles Theorie, denn das Verhalten auf dem Seitenstreifen dürfen wir nicht üben – zu gefährlich.

Ich weiß, wo im Kofferraum das Warndreieck und die Warnweste liegen. Das Warndreieck habe ich schon mal übungshalber auf einem Parkplatz in der Stadt aufgestellt. Ich kenne die Taste für das Warnblinklicht. Wir haben beide – zumindest theoretisch – besprochen, wie ich am besten auf den Seitenstreifen fahre, wenn es mir nicht gut geht. Und wir haben auch besprochen, wie ich hinterher vom Seitenstreifen aus in die Fahrbahn der Autobahn einfahren kann: Per Beschleunigung auf dem Seitenstreifen und Einfädeln in eine schöne Lücke. Dabei kann ich mit der Hilfe anderer Fahrer rechnen. Der Seitenstreifen ist eine reale Möglichkeit, wenn es mir schlecht geht. Das weiß ich, theoretisch. Wenn wir übungshalber den auf den Seitenstreifen fahren würden, dann könnte das das gefährlich werden. Deshalb lieber nicht.

Haben die Gespräche über den Seitenstreifen und seine Benutzung Ihnen etwas gebracht?

Angst vor der Polizei?

Zumindest schaue ich seitdem viel mehr auf den Seitenstreifen und prüfe ihn, ob er für einen Nothalt geeignet ist. Das bringt schon ein wenig Beruhigung. Aber den praktischen Ablauf dürfen wir ja nicht üben. Insofern ist da noch Angst bei mir. Was soll ich denn den Polizisten sagen, wenn sie mich auf dem Seitenstreifen nach dem Grund meines Nothaltes fragen?

Aha, daher die Gedanken! Sie dürfen auf dem Seitenstreifen anhalten, wenn es Ihnen schlecht geht. Vergessen Sie das Warnblinklicht nicht, ziehen Sie die Warnweste an, stellen Sie das Warndreieck auf, wenn der Aufenthalt etwas länger dauern soll. Praktisch üben dürfen wir das nicht, das wäre an sich schon etwas gefährlich. Wegen der Polizisten machen Sie sich mal keine Sorgen.Sie wollen Ihnen helfen, dass nichts passiert. Den Polizisten sagen Sie etwas Allgemeines, keine Lüge. Beispielsweise, Ihnen sei unwohl geworden, Sie müssten sich noch ein paar Minuten erholen, dann würden Sie weiter fahren. Sie müssen sich nicht selbst belasten.  

Ich hoffe, dass die Polizisten nett sind.

Wenn Sie es den Beamten ruhig und freundlich erklären, werden Sie genauso reagieren. Übrigens gibt es noch ein Rettungsmittel, Sie haben es selbst bei Ihrer ersten Panikattacke praktiziert. 

Ich wollte sofort zur nächsten Ausfahrt. Und vorher bin ich langsamer gefahren. Ja, das ist es.

Das Tempo reduzieren ist ein wunderbares Rettungsmittel. Aber nicht übertreiben, wir sind ja auf der Autobahn. Wenn Sie 80 fahren und rechts, ok. Aber wenn Sie noch langsamer fahren wollen, müssen – was dann?

Dann schalte ich das Warnblinklicht ein, denn ich bin dann eine Gefahr für die anderen Autofahrer.

Ja, mit dem Warnblinklicht sind Sie und andere immer noch sicher. Aber wenn Sie noch langsamer werden wollen oder müssen, keine Ausfahrt und Parkmöglichkeit in Sicht, dann doch lieber den Seitenstreifen nehmen. Wenn wir alle Möglichkeiten noch einmal durchdenken, dann wird Ihnen vielleicht klar, dass Sie sich trotz Panikattacke retten können. Das haben Sie ja schon beim ersten Mal bewiesen. Wir haben es bei Ihrer Betreuung nur deutlicher heraus gearbeitet. 

Ja, eigentlich stimmt das, genau. Ich habe das damals beinahe instinktmäßig richtig gemacht.

Im Vorfeld auf problematische Situationen achten, die Nervosität mildern

Denken Sie an die Situation, die die Panik bei Ihnen ausgelöst hat: Sie fuhren abends, viele Autos waren unterwegs, überall hinter Ihnen Lichtergewimmel, Sie wurden pausenlos überholt. Das war belastend und hat letztlich Unwohlsein und in der Folge die erste Panikattacke bei Ihnen ausgelöst. Andere Angsthäsinnen mit Angst vor Panik reagieren beispielsweise sehr emotional beim Überholen von Lkw. Wie werden Sie in Zukunft mit ähnlichen, Angst auslösenden Situationen umgehen?

[lacht] Etwas stimmt mich froh, vor dem Überholen von Lkw habe ich keine Angst wie die anderen Angsthäsinnen. Aber das abendliche Lichtergewimmel und Überholen macht mir zu schaffen. Eine Maßnahme hilft mir sehr, ich hänge mich einfach an einen vor mir fahrenden Lkw an, natürlich mit gebührendem Abstand.

Schön, das kann ich gut nachvollziehen. Aber wenn es keinen Lkw zum Anhängen gibt?

Ich fahre auf jeden Fall rechts. Was mir sehr hilft gegen das viele Lichtergewimmel von hinten, das wusste ich noch von der Fahrschule: Ich kann den Innenspiegel auf Abblendstellung klappen.

Prima. Haben Sie noch eine Möglichkeit?

Ja, ich weiß, ich darf nicht so fixiert auf die Überholer und ihr Licht gucken. Ich habe bei Ihnen immer wieder geübt, den Blick frei schweifen zu lassen, nach vorne, nach hinten, nach links und nach rechts. Wenn ich das bewusst übe, fällt es mir zuerst schwer. Aber es hilft!

In Angst und Aufregung erstarrt der lockere Blick leider zum Tunnelblick. In Ihrem Fall zeigt der sich im Starren auf die vielen Autos, die Sie überholen. Wenn Sie ganz bewusst locker schauen, signalisieren Sie dem Angstgefühl: “Es ist alles in Ordnung. Keine Angstsituation, alles locker.”  Beim lockeren Schauen können Sie noch eine Maßnahme drauf setzen, den Verkehr beobachten und laut über sich und Ihre Beobachtungen sprechen. Beispiel: “Ich bin ein bisschen nervös. Ich atme ruhig. Links überholt mich gerade ein schneller Pkw. Das ist in Ordnung.” 

Beides, das lockere Schauen und das laute Sprechen, helfen mir sehr. Es kommt mir ein bisschen komisch vor, wenn ich allein im Auto laut spreche. Aber es hilft.

Kinder sprechen noch laut vor sich hin, auch ältere Menschen tun das zuweilen. Erwachsene haben sich das abgewöhnt. Aber jetzt praktizieren Sie das wieder. Sehr schön! Denn es hilft, das merken Sie. Sie sprechen objektiv über Ihre Angst, sind ihr nicht unterlegen. Und Ihr Atem wird durch das Sprechen beruhigt und langsamer. 

Ich beobachte mich jetzt mehr im Vorfeld, damit ich die Panik abfangen kann, bevor sie voll zuschlägt. Ich merke schon deutlich ein gewisses Unwohlsein, das in der Magengegend aufkommt. Das ist ein deutliches Signal im Vorfeld.

Was bedeutet das für Sie?

Ich unternehme etwas. Ich will ja nicht, dass sich das harmlose Signal hochschaukelt.  Ich schaue auf den Verkehr und reduziere ein bisschen das Tempo, spreche laut mit mir, wie wir es geübt haben. Was mir auch sehr hilft, ist zu trinken. Ich habe bei der Fahrt immer eine Flasche Wasser dabei, mit Trinkventil, aus der ich mit einer Hand trinken kann.

Super, dass Sie so gut vorsorgen. Sie unternehmen etwas ganz bewusst gegen die leichten Signale im Vorfeld. Damit sorgen Sie dafür, dass die Sache nicht eskaliert. Wir wollen ja auf keinen Fall, dass Sie die Kontrolle verlieren. Die Sicherheit ist am wichtigsten. 

Ich fühle mich jetzt schon sehr viel sicherer. Danke für die gute Betreuung.

Mein Mann hat sich zu sehr eingemischt

Ebenfalls danke. Sie haben sehr engagiert mitgemacht. Wir sollten noch einen Punkt klären. Leider gab es ein Problem mit Ihrem Mann.

Er hat sich bei meinen ersten Alleinfahrten ohne Sie, bei denen er mitfuhr, leider in meine Fahrweise eingemischt. Das hat er auch früher schon gemacht. Oft hieß es “Du fährst zu langsam” oder gib doch endlich mal Gas!” Mich hat das sehr gestört. Manchmal habe ich an Aufgeben gedacht.

Mein Mann hat mich bei meinen ersten Alleinfahrten begleitet.

Das waren dann eigentlich keine Alleinfahrten, wenn Ihr Mann mitfuhr. Was ist bei den Fahrten mit ihm passiert?

Er hat sich leider in meine Fahrweise eingemischt. Oft hieß es “Du fährst zu langsam”, oder: „Gib doch endlich mal Gas!” Mich hat das sehr gestört. Manchmal habe ich an Aufgeben gedacht.

Sie haben es nicht getan, sondern weiter gemacht. Das zeigt, dass Sie stark sind. Können Sie sich noch erinnern, was wir wegen der kritischen Bemerkungen Ihres Mannes unternommen haben?

Sie haben meinen Mann gespielt und mich kritisiert. Ich sollte darauf ruhig atmen und ihm sagen, er soll aufhören, sonst kann ich nicht mehr weiter fahren.

An diese Szene kann ich mich gut erinnern. Sie haben leise, beinahe klagend geantwortet. Das konnte Ihr Mann nicht ernst nehmen. Aber immerhin, beim nächsten Versuch wurden Sie schon lauter. Aber die Konsequenz, nicht mehr weiter zu fahren, blieb aus. Wir haben auch das geübt, Sie fuhren wirklich beim nächsten Parkplatz raus, stellten den Wagen ab, stiegen aus und forderten mich als Ihren Mann auf, selbst weiter zu fahren. Wie war das?

Das fiel mir sehr schwer.

Das verstehe ich. Aber Kritik beim Autofahren ist sehr, sehr störend. Damit können Sie auch einen erfahrenen Autofahrer völlig durcheinander bringen. Dann wird er wahrscheinlich Fehler machen, was den Kritiker sogar bestätigen wird. Es geht hier um blanke Verkehrssicherheit. Gegen die dauernden Belehrungen und kritischen Bemerkungen sollten Sie einschreiten, durch die Tat. Ich habe Ihnen damals einen Vorschlag gemacht: Informieren Sie Ihren Mann noch vor der Fahrt über Ihr Vorhaben, bei der nächsten Kritik nicht mehr weiter zu fahren. Dann kommt die Sache nicht so hart rüber. Wie lief das?

Ich habe vor der nächsten Fahrt mit ihm gesprochen, ihm auch Ihre Argumente gegen das Kritisieren erzählt. Das hat er verstanden. Aber leider war die Gewohnheit zu stark. Ich wurde wie immer kritisiert.

Und – Ihre Reaktion?

Ich fuhr bei der nächsten Gelegenheit raus. Ich sagte ihm, „so geht das nicht, ich höre auf. Fahr doch Du!“ Das fiel mir schwer, aber es musste nun mal sein. Er hat sich auch sofort entschuldigt. Er hat es erklärt mit alter Gewohnheit. Ich bin dennoch nicht weiter gefahren. Ich war einfach zu nervös, wegen unseres Streits und wegen seiner kritischen Bemerkungen davor. Das war auch gut so, denn von da an war Schluss mit seinen Belehrungen.

Wie ist Ihr Verhältnis jetzt bei den Fahrten?

Gut, meistens harmonisch. Ich frage ihn sogar manchmal, wenn ich irgendwo unsicher bin. Er hat ja viel mehr Erfahrung. Wenn er aber neben mit herum zuckt und instinktiv aufs Gaspedal treten will, dann warne ich ich ihn, er soll mich in Ruhe lassen. Er würde eben wegen seiner Erfahrung meistens viel schneller fahren. Ich will aber weiter in Ruhe meinen Fahrstil fahren können.

Das klingt doch gut. Ihr Mann wird ab jetzt auf Sie Rücksicht nehmen. Warum auch nicht – in einer Partnerschaft ist das normal. Wie ist es denn umgekehrt, wenn er am Steuer sitzt und richtig schnell fährt, ist das Ihnen egal, haben Sie Angst?

Ich habe ihm schon ein paarmal gesagt, zwischen 130 und 150 geht es gerade so, darüber habe ich Angst. Er versucht es immer wieder, er will mir ja helfen, aber ich merke dann, wie er leidet. Er schwitzt, die Fahrweise wird unruhig, Gas, weniger Gas, schlecht auszuhalten.

Einen Kurs für Frauen, die das hohe Tempo ihrer Partner nicht aushalten, biete ich leider noch nicht. Irgendwann wird auch für Deutschland eine Regelung kommen, dass auf der Autobahn nur noch max. 130 gefahren werden darf. Dann haben wir hoffentlich Ruhe vor solchen abseitigen Problemen. Ich bedanke mich bei Ihnen für das interessante Interview. Sie waren eine sehr engagierte Schülerin. Jetzt sind Sie keine Schülerin und Angsthäsin mehr. Lassen Sie mal wieder von sich hören.

Ich bedanke mich ebenfalls, für die gute Betreuung. Ich werde Ihnen Emails schicken, wie es mir ergangen ist. Ist das ok?

Ja, sehr gerne, dann profitieren auch die jetzigen Angsthäsinnen davon. Alles Gute für Sie!

Noch einmal herzlichen Dank. Sie haben mir sehr geholfen.

Vielen Dank für das Interview. 

 

 

 

 

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